Marathon-Weltrekordläufer Wilson Kipsang : Im Ziel seines Traums

Der Kenianer Wilson Kipsang lief zehn Jahre lang seinem Traum hinterher - am Sonntag ist er beim Berlin-Marathon in Erfüllung gegangen.

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Der Triumphator. Wilson Kipsang hängte bei Kilometer 35 seine Landsleute Eliud Kipchoge und Geoffrey Kipsang ab. Foto: AFP
Der Triumphator. Wilson Kipsang hängte bei Kilometer 35 seine Landsleute Eliud Kipchoge und Geoffrey Kipsang ab. Foto: AFPFoto: dpa

Die schnellsten Ausdauerlaufbeine der Welt sind wohl auch die schwersten. Etwa 40 Zentimeter hoch ist die Stufe zur Bühne, auf der Wilson Kipsang gleich etwas über seinen Sieg beim Berlin-Marathon erzählen soll, aber eine Dame muss ihm unter die Arme greifen, und ihn nach oben hieven. In Wilson Kipsangs Beinen stecken 42,195 Kilometer Laufarbeit – und ein neuer Weltrekord. Um 15 Sekunden hat er die bisherige Bestmarke seines Landsmanns Patrick Makau unterboten und die Ziellinie am Sonntag nach 2:03:23 Stunden überquert. Als er auf der Bühne angekommen ist, lässt er sich in eine Couch plumpsen und erzählt fröhlich: „Für mich ist heute ein Traum in Erfüllung gegangen.“

Dieser Traum ist genau zehn Jahre alt und hat auch mit Berlin zu tun. Vor zehn Jahren sah der heute 31 Jahre alte Kipsang Paul Tergat in Berlin einen Weltrekord laufen. 2:04:55 lautete die Siegerzeit damals, und das Ereignis hat Kipsang so inspiriert, dass er es Tergat gleichtun und einmal der schnellste Marathonläufer der Welt sein wollte. Vor zwei Jahren hätte er es auch fast geschafft, doch er verfehlte die Bestzeit um nur vier Sekunden. Vielleicht war es auch einfach der falsche Ort, Kipsang lief da in Frankfurt am Main, und um Tergat wirklich nachzufolgen, musste es schon Berlin sein.

Kipsangs herausragende Einzelleistung fing mit einer Gruppenarbeit an. Nach dem Startschuss eines weiteren früheren Weltrekordhalters, des Äthiopiers Haile Gebrselassie, legte Kipsang mit drei Tempomachern und vier harten Konkurrenten die erste Hälfte zurück, 1:01:34 Stunden war seine Durchgangszeit. Es passt zu dieser Bilderbuchveranstaltung mit tausenden begeisterten Menschen an der Strecke und Sonnenschein, dass sie sich an eine alte Regel hielt: Der Marathon beginnt erst bei Kilometer 30. Da setzte sich ein Trio an die Spitze: Kipsang, Eliud Kipchoge und der nicht mit dem späteren Sieger verwandte Geoffrey Kipsang. Noch bei der Hälfte hatten sie auf Weltrekordkurs gelegen, doch anschließend waren sie etwas aus dem Rhythmus geraten. „Bei Kilometer 30 habe ich gedacht, der Weltrekord ist weg, deshalb habe ich das Tempo angezogen“, sagte Wilson Kipsang.

Erst konnten ihm seine beiden Begleiter noch folgen, dann fiel es ihnen immer schwerer, bei Kilometer 35 auf dem Tauentzien kam es zur Entscheidung. Kipsang war sein Traum vom Weltrekord wichtiger, als gemeinsam mit seinen beiden Landsleuten durch Berlin zu laufen. Er riss aus und hielt nicht nur seinen geschmeidigen Laufstil durch, bei dem seine Arme locker auf Taillenhöhe mitschwingen, sondern auch sein hohes Tempo.

Der Lohn dafür sind ein ruhmreicher Titel und eine Gesamtprämie von 120 000 Euro. Seine 15 Sekunden Vorsprung auf die bisherige Bestzeit sind für ihn noch nicht alles gewesen. „Ich glaube, ich kann noch mehr herausholen.“ Auch Kipsangs unmittelbarer Vorgänger Patrick Makau hatte seinen Weltrekord in Berlin aufgestellt, 2011. Diesmal konnte er wegen einer Entzündung im Knie nicht mitlaufen.

Berlin ist für Marathonläufer eine so verlässliche Arbeitsgrundlage, dass sie ihre Rekordläufe genau planen können. Renndirektor Mark Milde hätte diesen Rekord sogar voraussagen können. „Als ich den Wetterbericht gehört habe, wusste ich, dass es klappen könnte.“ Mit welcher Wahrscheinlichkeit? „50 Prozent.“ Nur der Wind hätte etwas gestört, er kam von Osten und blies den Läufern zwischen Kilometer 30 und 40 ins Gesicht. Es geht also noch besser.

Vor allem weil das Zielfoto einen Schönheitsfehler hat. Ein Unbekannter war auf den letzten Metern auf die Strecke gekommen, neben Wilson Kipsang hergerannt und riss ihm das Zielband weg. Den Sieger schien das nicht zu stören: „Ich war erst ein bisschen verwirrt. Aber ich dachte, er gehört zur Organisation.“

Hinter Kipsang kam Kipchoge in 2:04:05 Stunden ins Ziel, für den ehemaligen Weltmeister und Olympiazweiten über 5000 Meter war es erst der zweite Marathon. „Bisher war ich ein Kind beim Marathon. Ich bin nur gekrabbelt, aber heute bin ich aufgestanden“, sagte Kipchoge. Geoffrey Kipsang brauchte 2:06:26 Stunden. So standen am Ende die drei Favoriten auf dem Siegerpodium, die Renndirektor Milde auch zu dritt in einer Maschine hatte einfliegen lassen.

Als 14. und bester Deutscher kam André Pollmächer ins Ziel. Mit 2:13:05 Stunden unterbot er seinen eigenen Rekord um vier Sekunden. Es gab bei diesem Marathon neben Bestzeiten weitere Konstanten. Etwa, dass der Schweizer Heinz Frei den Wettbewerb der Rollstuhlfahrer gewann – mit 55 und gegen seinen Landsmann Marcel Hug, den Sieger der vergangenen beiden Jahre und Weltmeister. Mit 27 ist Hug gerade einmal halb so alt wie Frei. „Das Feld ist zwar dünner geworden bei den Rennrollis“, sagte Frei, „aber es macht Spaß, ab und zu mal den Weltmeister zu schlagen.“ Beim 40. Berlin-Marathon war es Freis 20. Sieg.

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