Marc-André ter Stegen : Mehr als ein Torhüter

Torwart Marc-André ter Stegen verlässt Borussia Mönchengladbach und wird wohl zum FC Barcelona wechseln. "Marc passt perfekt zu Barça", sagt sein Nationalmannschaftskollege Marcell Jansen.

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Mit Präzision. Marc-André ter Stegen hat lange über seine Zukunft nachgedacht – und sich gegen Gladbach entschieden.
Mit Präzision. Marc-André ter Stegen hat lange über seine Zukunft nachgedacht – und sich gegen Gladbach entschieden.Foto: Imago

Marc-André ter Stegen ist bisher nicht unbedingt als Plaudertasche aufgefallen. Der Torhüter von Borussia Mönchengladbach macht aus der Ferne einen eher verschlossenen Eindruck, und diesem Ruf ist er gerade wieder gerecht geworden. Zwar hat er nach wochenlangem Schweigen erstmals über seine persönliche Zukunft gesprochen; mehr als nötig hat ter Stegen jedoch nicht gesagt. Nur so viel: Das Angebot, seinen 2015 auslaufenden Vertrag in Mönchengladbach zu verlängern, hat er dankend abgelehnt. Wohin er allerdings in diesem Sommer gegen eine entsprechend lukrative Ablöse wechseln wird, das hält der 21-Jährige weiterhin geheim. Aber keine Sorge, „in jedem Fall werde ich auch da eine Entscheidung treffen“.

Glaubt man den umlaufenden Gerüchten, ist diese Entscheidung längst gefallen. Es gibt zwar einige Vereine aus dem gehobenen Segment, die sich eine Verpflichtung des deutschen Nationaltorhüters vorstellen könnten. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber wird ter Stegen zum FC Barcelona wechseln. Seit Monaten verkündet wöchentlich eine andere spanische Zeitung, dass der Torhüter bereits einen Vertrag bei den Katalanen unterschrieben habe und den scheidenden Victor Valdes beerben solle. Auch Borussias Sportdirektor Max Eberl sagt: „Wir vermuten, dass er zu dem Verein wechseln wird, über den schon viel spekuliert wurde.“ Als gesichert gilt allerdings nur, dass Barças Sportdirektor Andoni Zubizarreta, früher selbst Torhüter, das Umfeld ter Stegens bereits begutachtet und dessen Familie in Mönchengladbach besucht hat.

An der sportlichen Qualifikation bestehen ohnehin keine Zweifel. Ter Stegen zählt zur jungen, bestens ausgebildeten deutschen Torhütergeneration. Schon mit 20 hat er für die A-Nationalmannschaft debütiert. „Marc passt perfekt zu Barça“, sagt Marcell Jansen vom Hamburger SV, der wie ter Stegen in Mönchengladbach geboren ist und vom selben Berater betreut wird. Ter Stegen ist mehr als ein klassischer Torhüter – und gerade deswegen für den FC Barcelona interessant. Der Gladbacher interpretiert seine Rolle äußerst offensiv. Er ist ein mitspielender Torhüter, der den Ball auch mit dem Fuß mehr als anständig behandeln kann – und daher ständig ins Spiel seiner Mannschaft eingebunden wird. Gerade auf fußballerische Fertigkeiten wird bei Barça großen Wert gelegt. Ter Stegen war in der Hinrunde der Torhüter mit den meisten Ballkontakten in der Bundesliga. Insgesamt liegt er mit 1025 Ballberührungen auf Platz 21, noch vor seinen Gladbacher Kollegen Juan Arango und Raffael.

Sollte Ter Stegen tatsächlich nach Barcelona wechseln, wäre er der zweite deutsche Torhüter, der beim katalanischen Weltverein unter Vertrag steht. Für den ersten – Robert Enke – war die Zeit bei Barça eine eher unerfreuliche Grenzerfahrung. Auch ter Stegen wird sich umstellen müssen. In Mönchengladbach ist er ein lokaler Held, gebürtiger Gladbacher, ewiger Borusse (seit 17 Jahren), der den Klub in seiner ersten Saison als Profi vor dem Abstieg bewahrt hat. In Spanien spielt der Torhüter nur eine Nebenrolle. „Da läuft der Torhüter in der Wahrnehmung der Zuschauer eher so mit“, hat Enke einmal erzählt. „Einer muss halt die Handschuhe anhaben und den Job erledigen.“

Ter Stegen hat dies zuletzt mit erstaunlicher Reife getan, vor allem wenn man bedenkt, wie die vorige Saison für ihn zu Ende gegangen ist. Beim Länderspiel gegen die USA (3:4) ließ er einen harmlosen Rückpass an seinem Fuß vorbei ins Tor trudeln. Für ein paar Tage war er anschließend der Trottel der Nation. Selbst in seinem eigenen Verein wurde die Sorge geäußert, dass der junge Torhüter zu verbissen sei und sich zu sehr verrückt mache. Ter Stegen ist nicht ehrgeizig; er ist extrem ehrgeizig. Ein sehr guter Torhüter zu sein genügt ihm nicht; er will der beste werden. Doch alle Befürchtungen haben sich als haltlos erwiesen. Ter Stegen hat eine weitgehend fehlerfreie Hinrunde gespielt und einigen Anteil daran, dass die Gladbacher auf einem Champions-League-Platz überwintern.

Sein Weggang ist für den Verein vor allem deshalb ärgerlich, weil ter Stegen mit seiner Biografie eine glaubwürdige Identifikationsfigur war. Der sportliche Verlust soll, so gut es geht, kompensiert werden – immerhin rechnen die Gladbacher mit einer Entschädigung in zweistelliger Millionenhöhe. „Wir verfolgen den Markt seit längerem und werden für den Sommer eine gute Lösung finden“, sagt Sportdirektor Eberl. Yann Sommer vom FC Basel wird als möglicher Nachfolger von den Medien gespielt, dazu Hannovers Ron-Robert Zieler und Oliver Baumann vom SC Freiburg. Baumann, dessen Vertrag eine Ausstiegsklausel enthalten soll, gilt als Favorit – auch weil sein Spielstil dem von ter Stegen am nächsten kommt. „Marc hat die Messlatte natürlich sehr hoch gelegt“, sagt Eberl. „Die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, bedeutet, dass wir einen spielstarken Torhüter suchen.“ Thomas Kraft von Hertha BSC gehört auch deshalb definitiv nicht zu den Kandidaten.

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