Marc Stein : Links hinten

Schon in der E-Jugend spielte er in der Viererkette, war ein guter Leichtathlet. Doch für viele ist der Stamm-Verteidiger von Hertha BSC nur ein Mitläufer geblieben – Trainer Lucien Favre sieht es anders.

Sven Goldmann[Marbella]
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Zweiter Sieger. Marc Stein (r.), hier gegen Cottbus, sah nicht immer glücklich aus. Foto: dpa

Lesen Sie eigentlich Zeitung? Na klar, sagt Marc Stein, „ab und zu schon“, und er könne ganz gut umgehen mit dem, was da über ihn geschrieben wird. Dass er die Umstellung vom Absteiger Hansa Rostock zu einem Spitzenteam noch nicht so recht geschafft habe, dass bei Hertha BSC angeblich alle paar Tage ein neuer Spieler im Gespräch ist für die linke Position in der Viererkette. Für seine Position.

Die Öffentlichkeit macht es dem Fußballprofi Stein nicht leicht. Es gibt dazu eine Vorgeschichte. Sie beginnt am 20. Oktober 2007, als Marc Stein beinahe berühmt geworden wäre. Er spielte damals noch in Rostock, der Gegner hieß Schalke 04, und Stein hat ein Tor geschossen, wie es sich jeder Fußballspieler nur wünschen kann. Der gegnerische Torhüter wollte nach abgefangener Flanke einen Konter einleiten, aber sein schneller Abwurf überraschte den eigenen Verteidiger, Stein sprintete dazwischen und zirkelte den Ball aus 30 Metern mit Gefühl und Überblick ins Tor. Sein Pech im Glück war, dass der Schalker Torhüter Manuel Neuer hieß und als künftige Nummer eins Deutschlands gehandelt wurde. Also wertete die Kritik das kuriose 1:1 von Rostock keineswegs als das, was es war, nämlich ein Traumtor von Stein. Sondern als die erste kapitale Fehlleistung von Neuer, als Beginn einer Krise, die den Schalker vielleicht die Nachfolge von Jens Lehmann im Tor der Nationalelf kostete. Den von der ARD ausgelobten Wettbewerb um das Tor des Monats Oktober gewann nicht der namenlose Rostocker Stein, sondern der Münchner Weltstar Ribéry.

In der allgemeinen Wahrnehmung ist Marc Stein Mitläufer geblieben, bis heute, als Stammspieler beim Bundesligadritten Hertha BSC, der gestern sein Testspiel gegen den Zweitligisten VfL Osnabrück mühsam 1:0 (0:0) gewann – durch ein Tor von Kaka zwei Minuten vor dem Ende.

"Die Zuschauer auf der Tribüne wissen nicht alles"

Stein ist einer, bei dem das Glas im Zweifelsfall immer halb leer, nie halb voll ist. „Mit Kritik muss ich leben“, sagt Stein, natürlich habe er Fehler gemacht, etwa das Gegentor verschuldet bei der 0:1-Niederlage gegen Cottbus, dem gefühlten Tiefpunkt der bislang erfolgreichen Saison. Und nichts gegen die Kritiker, „aber wenn man als Zuschauer auf der Tribüne sitzt, weiß man noch lange nicht, welche konkrete Aufgabe ein Spieler hat. Wenn er diese Aufgabe erfüllt, hat er ein gutes Spiel gemacht. Das ist mein Maßstab.“

Zuweilen verschwimmen die Kriterien der sportlichen Bewertung auch innerhalb der Leitungsebene seines Klubs. Herthas Manager Dieter Hoeneß verhandelte vor ein paar Wochen in Brasilien mit Junior Cesar. Es ist über diese Dienstreise viel geredet worden, über Hoeneß’ Bereitschaft, Geld auszugeben, das Hertha vielleicht gar nicht hat. Dabei ist der Transfer nicht nur an der Finanzierung gescheitert, sondern daran, dass der für den sportlichen Part zuständige Mann bei Hertha den Brasilianer nicht haben wollte. Junior Cesar ist ein Mann für die linke Außenbahn, dort sieht Trainer Lucien Favre keinen Handlungsbedarf. „Wenn wir noch einen neuen Spieler holen, dann muss es einer für das Mittelfeld sein“, hat der Schweizer in diesen Tagen des Trainingslagers in Marbella gesagt.

"Er macht wenig Fehler"

Die Qualität einer Mannschaft definiert sich auch durch Transfers, die nicht vorgenommen werden, nicht vorgenommen werden müssen. Nach dieser Philosophie ist Favres Weigerung, die spärlichen Mittel für einen linken Verteidiger einzusetzen, ein Kompliment für Marc Stein. Von Favre ist bekannt, dass er so gut wie gar nicht Zeitung liest und dass ihm Kritik von außen ziemlich egal ist. In der internen Diskussion hat er Stein immer verteidigt: „Er läuft viel, macht wenig Fehler und hat ein gutes taktisches Verständnis.“

Marc Stein ist ein Kind des modernen Fußballs. Mitte der Neunzigerjahre, als die Nationalmannschaft noch auf Manndecker und Libero schwörte, wurde in seiner E-Jugend bei Lok Seddin mit Viererkette gespielt. Parallel dazu hat er Leichtathletik trainiert, in der fünften Klasse reichte es zum brandenburgischen Meister im Weitsprung. Heute glaubt Stein, „dass in dieser Kombination aus Leichtathletik und Fußball mein großer Vorteil liegt. Ich bin ausdauernd und sprintstark zugleich, das kommt nicht so oft vor.“

"Über meine Flanken kann sich keiner beschweren"

Dabei besitzt er den für einen Linksverteidiger interessanten Makel, dass der linke Fuß sein schwächerer ist. „Das kann beim Flanken ein Problem sein, aber dafür kann ich besser als andere in die Mitte ziehen und aufs Tor schießen“, sagt Stein. Überhaupt hält er seinen linken Fuß lediglich für den weniger starken. „Ich glaube, über meine Flanken kann sich keiner beschweren.“ Schon als Kind hat er daran gearbeitet, annähernd beidfüßig Fußball zu spielen. Das Lernen hält an. Es kommt vor, dass Stein nach dem Training ein Stündchen dran hängt und den Ball immer wieder an eine Mauer schießt. Scharf, mit links, aus kurzer Entfernung, „das schult Reaktionsvermögen und Präzision“. Mit seinen 23 Jahren könne er vielleicht nicht mehr lernen, ein besserer Fußballer zu werden, „aber du kannst daran arbeiten, die Fehler zu minimieren“. Lucien Favre sagt, mit der Anzahl von Marc Steins Fehlern könne er mittlerweile gut leben.

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