Marcel Reif : Hallo Dortmund! Hallo Realität!

Die Dortmunder haben ein Jahrzehnt gebraucht, um zu verstehen, dass die Wirklichkeit anders aussieht als die Borussen-Herrlichkeit. Jetzt haben sie Jürgen Klopp.

Marcel Reif
Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Wie schwer ist es, in der Realität aufzuwachen? Mitunter sehr schwer, wenn der Traum zuvor doch so schön war. Die Dortmunder haben ein Jahrzehnt gebraucht, um zu verstehen, dass die Wirklichkeit anders aussieht als die Borussen-Herrlichkeit. Zugegebenermaßen ist es dort auch besonders schwierig, die Südkurve mit ihrer gleichermaßen kindlichen wie bedingungslosen Hoffnung zu befrieden. Sie machen das inzwischen ganz gut, Trainer Jürgen Klopp bedient die Emotionen und liefert nebenbei einen sehr ordentlichen Job ab. Die Mannschaft, die er geformt hat, spielt mitunter auch attraktiven Fußball und reicht sogar wieder an höhere Tabellengefilde heran. Zu mehr noch nicht wieder, das haben sie lange geglaubt und sind damit abgestürzt aus höchster Höhe.

Und wie lange wird der heutige Gegner aus Wolfsburg brauchen? Vorjahrestrainer Felix Magath hätte weiter viel Geld verdienen können, und wahrscheinlich hätte er mit den Mitteln des Konzerns auch noch einiges bewegen können, aber die Titelverteidigung, die schien ihm doch nach einem Jahr voller Euphorie eher unwahrscheinlich zu sein. Magaths Nachfolger Armin Veh hat das auch gewusst und von Beginn an gegen die Träumerei gepredigt. Hat es etwas genützt? Nicht durchgehend, mitunter fallen sie in Wolfsburg wieder zurück in die Zeit, die doch so schön war und nicht vorbei sein soll. Sie ist es.

Man kann das wunderbar am Beispiel Grafite sehen. Der hat in der vergangenen Saison eines der schönsten Tore der Welt erzielt, woran der FC Bayern so gar nicht erinnert werden will. Aber das war in der vergangenen Saison, und jetzt ist plötzlich alles mühsam, braucht es Erholungsurlaub in Brasilien, schlägt aufs Gemüt bis hin zum Ausscheiden aus der Champions League. Und zu allem Überfluss hält die Realität nun auch noch den Frust bereit, gegen den es anzukämpfen gilt. Das muss und wird nicht in einem Absturz enden, aber es wird auch nicht zu einer Wiederholung des Vorjahres führen. Geschichte wiederholt sich eben immer noch nicht, und wenn, nur als Farce. Der VfL hat im Vorjahr weit über seine Verhältnisse gelebt, nun holen die Verhältnisse ihn wieder ein.

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