MARCEL REIFS Analyse : Tralala-Fußball bringt keine Titel

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Keine Frage, auch ich bin immer noch nachhaltig irritiert über das, was am Dienstag über Deutschlands Fußball gekommen ist. Andererseits steht stark zu vermuten, dass auch weiterhin hierzulande Fußball gespielt wird, ja, dass auch die Nationalmannschaft weiterhin existiert. Schließlich hat die nicht 0:4 gegen Andorra verloren, sondern 4:4 gegen Schweden gespielt und damit weder den Standort Deutschland gefährdet noch die Qualifikation zur Weltmeisterschaft.

Aber die letzte halbe Stunde des Spiels war schlimm genug, vielleicht taugt sie ja exemplarisch, um einmal nüchtern, sehr nüchtern den Stand der Dinge zu betrachten. Ganz sicher taugt sie dazu. Also: Wo steht die Nationalmannschaft? Wie präsentiert sie sich?

Um es vorweg zu nehmen: Frage eins, sie steht nicht an der absoluten Weltspitze. Frage zwei, sie steht dort nicht, weil sie sich zu unterschiedlich präsentiert, mal brillant, mal desolat. Oder anders gesagt: Sie steht dort nicht, weil ihr die Balance fehlt. Und noch anders gesagt: Um in der Moderne anzukommen, tut ein wenig unmodernes Denken not.

Das unmoderne Denken, ja, das meint leider das, was man früher mal die deutschen Fußballtugenden nannte. Als sich die Schweden unter Anführerschaft von Zlatan Ibrahimovic anschickten, das 0:4 noch wettzumachen, da waren plötzlich bei den deutschen Fußballern diese Tugenden weg, keine Ordnung mehr zu erkennen, keine Struktur, keine Disziplin und keine Zweikampfstärke.

2004 hatten Jürgen Klinsmann und Joachim Löw richtig erkannt, dass man allein mit diesen deutschen Fertigkeiten weder die Welt-, ja nicht einmal die europäische Spitze erreicht. Aus dieser Erkenntnis formulierten sie die erste Lektion, nämlich die, dass wir auch Fußball spielen müssen und ihn nicht nur arbeiten. Die Umsetzung haben sie ganz wunderbar hinbekommen – so wunderbar, dass die Fußballwelt mitunter den Atem anhält, wenn die Deutschen wirbeln und zaubern.

Dass diese Fußballwelt wieder aufatmen konnte, nun, das lag allerdings auch an den Trainern, die die entscheidenden Spiele vercoachten. So nennt man das nämlich, wenn Mannschaften falsch aufgestellt sind und die taktische Ausrichtung nicht stimmt. Das war im märchenhaften Sommer 2006 so, als die Angst vor der eigenen Courage gegen Italien die Niederlage einbrachte, das war 2010 in Südafrika so, als eine sich selbst berauschende und stimmige Mannschaft gegen Spanien ohne Not eingebremst wurde, und bei der letzten EM war es am ärgsten, als wieder eine hoch talentierte, gereifte Mannschaft gegen mittelmäßige Italiener in ein verhuschtes taktisches Konzept gezwängt wurde und sich an diesen durchschnittlichen Italienern zu orientieren hatte. Dass diese Fehler des ungenügenden Coachings erkannt sind, war gegen die Schweden allerdings nicht zu sehen. Wenn Stürmer eingewechselt werden, wenn es defensiver Ruhe bedarf, zeugt das nicht von bedachtem Handeln.

Dennoch ist Löw natürlich der richtige Mann, er muss jetzt nur die zweite Lektion formulieren und umsetzen. Die da wäre, eine Balance zu bilden zwischen Defensive und Offensive. Alle erfolgreichen Mannschaften, auch die Spanier, verfügen über eine sehr gute Defensive, weil allein mit Tralala-Fußball wohl Spiele zu gewinnen sind, aber keine Titel.

Nun ist Löw kein Ausbilder und kann nur nehmen, was die Bundesliga ihm anbietet. Das ist inzwischen so gut, dass die Nationalmannschaft keinen Vergleich zu scheuen braucht, wenn sie in Ballbesitz ist. Aber was machen die Xavis, die Iniestas, wenn sie es mal nicht sind? Dann jagen sie dem Ball hinterher wie die Wilden, bis sie ihn wieder haben. Das tun die Deutschen nicht, weil ihnen eben nicht von klein auf eingetrichtert wurde, dass auch Defensivarbeit zum Fußballspiel gehört. Die am Dienstag eingewechselten Götze, Podolski, dann Reus und Özil, all das sind wunderbare Fußballer, ohne die die erste Spielstunde gegen Schweden nicht möglich wäre. Nur Defensivaufgaben scheinen sie nicht als Teil ihrer Arbeitsplatzbeschreibung zu verstehen.

Um aber im Bedarfsfall den Schalter umlegen zu können, bedarf es jemandem, der den Schalter in die Hand legt, einer, der – Achtung, unmodernes Denken! – die Führung übernimmt. Es braucht eine Hierarchie im Team. Oder wie Matthias Sammer es seit Jahren fordert, es braucht Charaktere – keine Schreihälse der früheren Jahre, aber zwei, drei Spieler, die die Richtung vorgeben. Das ist Philip Lahm nicht, das könnte Bastian Schweinsteiger sein, der aber gerade in der vergangenen Woche viel von seinem Nimbus eingebüßt hat, was auch damit zusammenhängt, dass seine stärkste Leistung das etwas unverschämte Abkanzeln von Journalisten war. Eine Hierarchie aber ist nicht zu finden in der Nationalmannschaft, in der das Waldorf-Prinzip samt Freundschaftsbändchen vorherrscht. Die sattsam gepredigte flache Hierarchie mag nett beim Mannschaftsabend und der Weihnachtsfeier sein, auf dem Platz funktioniert sie nicht.

Die Spanier im übrigen, die sind keine elf Freunde, das sind Madrilenen und Barcelonesen, die zwecks gemeinsamer Ausübung eines Sports zusammenkommen, die sind kein Kuschelzoo und die Hymne ist ihnen auch egal, weil sie nicht mal eine haben. Fazit: Wir sind bei Weitem noch nicht so weit wie die Spanier.

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