Marcel Reifs Kolumne : Antizyklische Bremer

Unser Kolumnist Marcel Reif bewertet die aktuellen Querelen bei Werder Bremen und warnt vor eventuellen Folgen.

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Marcel Reif: TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.
Marcel Reif: TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Gute Trainer, und ein solcher ist Thomas Schaaf unstrittig, agieren gerne antizyklisch. Läuft es gut bei ihrer Mannschaft, mäkeln sie schon mal rum und merken an, dass sie den einen oder anderen Fehler schon noch gesehen hätten. Und umgekehrt stellen sie sich vor die Mannschaft, wenn es schlecht läuft, und behaupten nach außen, dass doch alles bestens sei. Ein Verhalten, dass bei Werder immer wieder zu beobachten war und ist, besonders in der vergangenen Saison. Über die zu sagen, sie sei nicht gut gelaufen, dürfte stark untertrieben sein, katastrophal trifft die Sache schon eher. Und trotzdem – Achtung: antizyklisch – herrschte eine bemerkenswerte Ruhe. Schaaf wurde demonstrativ gestützt, obwohl er mit seiner Sturheit wirklich mitunter Anlass gegeben hatte zu Kritik. Und auch die Fortune von Klaus Allofs bei Spielertransfers schien aufgebraucht zu sein. Trotzdem: Ruhe, mit Ausnahme eines leichten Grummelns von Exmanager Willi Lemke aus dem Hintergrund.

Und nun? Werder steht, mal abgesehen von der heftigen Niederlage in Mönchengladbach, glänzend da, es läuft gut bei Werder Bremen. Und deswegen wahrscheinlich – Achtung: antizyklisch – kracht es öffentlich, dass es nur so eine Art ist. Was ist da los? Sie zanken öffentlich um den Transfer eines Griechen, der sich zudem gut entwickelt hat, sie zanken um 600 000 Euro, was angeblich zu viel Geld sei. 600 000 Euro? Im Profigeschäft? Bei aller Liebe zur hanseatischen Kaufmannsgepflogenheit des umsichtigen Umgangs mit Geld: Das ist doch ein wenig übertriebene nordische Gediegenheit.

Sie haben an der Weser stets gerne gejammert über ihren Standortnachteil, und gewisse Standortschwächen sind einzuräumen. Sie haben aber immer gewusst, dass diese Randlage eigentlich auch ein Standortvorteil ist. Weil sie nämlich weitgehende Ruhe garantiert, es geht eben nicht so hysterisch zu. Das hat Werder über Jahre stark gemacht. Und dieses Pfund, mit dem sie immer wuchern konnten, wollen sie jetzt wirklich verschleudern? Sie sind dabei. Das ist sehr unbremerisch und doch etwas sehr konsequent antizyklisch.

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