Marcel Reifs Kolumne : Das System Hertha

TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist Marcel Reif fängt langsam an, Lucien Favre zu begreifen.

Marcel Reif
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Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Und immer noch Hertha. Und immer noch die große Ereignislosigkeit. Oder sagen wir so: Das herausragendste Element der Hertha ist der Erfolg, nicht das Spiel, kein Zauber, auch kein Glanz und schon mal gar kein Star, bloß nicht. Das Motto der Hauptstadt, vorgegeben vom Regierenden, man sei wohl arm, dafür aber sexy, also, ich trete der Hertha und ihren Fans doch hoffentlich nicht zu nahe, aber sexy? Hertha? Einst war sie arm und nicht sexy und ohne Erfolg. Jetzt ist sie arm und unsexy, aber das mit Erfolg – trotz der knappen Niederlage in Wolfsburg.

Um was geht es bei der Meisterschaft? Um Ästhetik? Um Spektakel? Eben nicht, es geht um die höchste Punktzahl, und in der Disziplin sind die Berliner gut, sehr gut dabei, Zweiter, mit gleicher Punktzahl wie der Erste.

Und jetzt fange ich langsam an, diesen Lucien Favre zu begreifen. Systemfußball ist sein Ziel, eine Mannschaft, für die es nicht wesentlich ist, ob der eine oder andere Stammspieler fehlt, weil das System von artigen, enorm fleißigen und extrem disziplinierten Spielern erfüllt wird. Dazu braucht er keinen Star, der Mann ist Schweizer und baut sein Team – ja, ich weiß, das ist platt, aber trotzdem richtig – wie ein Schweizer Uhrwerk, in dem alle Rädchen ineinander greifen, gleich wichtig sind und es keine Haupträdchen geben darf. Das erklärt seine Schwierigkeiten mit Pantelic, und ob sich Woronin in der vergangenen Woche mit zwei Treffern gegen die Bayern nicht auch schon verdächtig gemacht hat fürs Stardasein, ist noch offen. Favre hat den totalen Gegenentwurf zur Boateng- und Dejagah- und Marcelinho-Phase gebaut, und das ist gut so. Für Hertha. Sie hat überragende Kräfte wie Drobny, wie Simunic, aber die funktionieren im System und exponieren sich nicht.

Bleiben die Fragen: Was will Berlin, was wollen die Fans? Nicht doch auch ab und an mal Sex durch Pantelics schillernde Eskapaden? Wahrscheinlich ist es eher so, dass die Stadt die Seriosität ihres blau-weißen Sportvereins gut verträgt. Und so auch mal eine Niederlage erträgt.

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