Marcel Reifs Kolumne : Dortmunds Understatement langweilt

Bei Borussia Dortmund will öffentlich niemand von der Meisterschaft reden. Unser Kolumnist Marcel Reif findet so viel Understatement langweilig. Denn der BVB hat das eigentlich gar nicht mehr nötig.

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Marcel Reif: TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.
Marcel Reif: TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Es langweilt inzwischen doch ein wenig, dieses Spielchen mit Borussia Dortmund um dem Willen zur Meisterschaft. Ob sie nicht doch jetzt mal von der Meisterschaft reden wollen, werden die Dortmunder permanent gefragt, und ebenso permanent antworten sie mit Nein, wir wollen nicht darüber reden. Aber ebenso langweilig ist das Dortmunder Spiel mit dem Understatement. Damit sind die Dortmunder in der vergangenen Saison gut gefahren, da waren sie der Underdog, der Außenseiter, der es nicht aufnehmen kann mit dem FC Bayern München, solange nicht aufnehmen konnte, bis er die Münchner in ihre Schranken gewiesen hatte. Der FC Bayern in Schranken? Aber ja, denn es hat sich etwas verändert. Bei Borussia Dortmund stellt sich nämlich nicht mehr die Frage: Haben wir etwas zu verlieren? Es stellt sich die Frage: Was haben wir zu gewinnen? Alles!

Es mag ja nett gemeint gewesen sein von BVB-Präsident Watzke, als er unter der Woche die Bescheidenheit propagierte und seine Zufriedenheit mit Platz zwei verkündete. Das kann auch nach hinten losgehen, das kann Genügsamkeit verbreiten, Alibis schenken. Wirklich überzeugend und zwingend war das am Samstag nicht, was die Borussia bei ihrem Sieg über Werder Bremen zeigte. Man könnte durchaus fürchten, dass das präsidiale Wort sich kontraproduktiv auswirkt.

An den Fleischtöpfen sind sie mit Platz zwei, keine Frage. Aber Borussia Dortmund ist inzwischen ein Klub, bei dem es nicht mehr allein ums Geld geht. An das kommen die Dortmunder, das ist fast schon selbstverständlich. Aber der Fan will mehr, will die Kampfansage an die Bayern, will gleichziehen mit den scheinbar Unerreichbaren, will vielleicht doch nichts mehr wissen von dem großen Unterschied. Und warum sollte er auch? Der Paradigmenwechsel ist mindestens im Gange.

Nach Stand März 2012 gibt es nicht mehr ein Maß aller fußballerischen Dinge in Deutschland. Der maßgebende FC Bayern hat Borussia Dortmund als Maß hinzubekommen. Sportlich, spielerisch, leidenschaftlich ohnehin, aber auch wirtschaftlich. Mag sein, dass die Münchner noch ein wenig mehr auf dem Festgeldkonto liegen haben, aber wunderbar wirtschaften können sie in Dortmund inzwischen auch. Lange wird Präses Watzke nicht mehr auf den gewaltigen Unterschied hinweisen können, ohne sich lächerlich zu machen. Mia san mia, stärker wie a Stier, sagen sie in München gern. Ja, ja, hömma, können sie in Dortmund sagen, Stier kann ich selba.


Der Fernsehreporter Marcel Reif kommentiert im Tagesspiegel wöchentlich die Bundesliga.

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