Marcel Reifs Kolumne : Ein wenig berauschte Bayern

Überraschend war es nicht, dass sich der FC Bayern an den Kleinen rächt, weil er von den Großen verhauen worden ist, findet TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist Marcel Reif. Aber hilft das den Bayern wirklich?

Marcel Reif
Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Überraschend war es ja nicht, dass sich der FC Bayern an den Kleinen rächt, weil er zuvor von den Großen verhauen worden ist. Aber dieser Sieg gegen überforderte Frankfurter ändert an der misslichen Situation nur insofern etwas, als dass die Münchner weiterhin in der Lage sind, die Katastrophe abzuwenden. Sie wahrten die Chance auf die erneute Teilnahme an der Champions League, sie können sogar noch Meister werden. Nur mal vorsichtig nachgefragt: Gab es in dieser Saison ein einziges Argument, warum die Bayern nicht wieder Meister werden sollten? Nein, gab es nicht (abgesehen von dem einen, dass die Macht der Hertha aus Berlin einfach unmenschlich und übermächtig ist. Na ja). Und wenn sie tatsächlich noch Meister werden, die Bayern?

Dann, das wage ich mal zu prophezeien, bleibt Jürgen Klinsmann Trainer, ausgestattet mit einigen Korrekturvorschlägen der Chefetage. Und diese unter dem Strich verkorkste Saison wird als Übergangssaison abgebucht werden. Und das war sie doch auch. Bayerns Debakel in Barcelona bleibt nur die letzte Konsequenz eines überforderten und überschätzten Kaders. Klinsmanns Schuld? Nun ja, die Bayern haben einen Trainer geholt, der noch keiner war, der jung ist, noch keinen Verein trainiert, nichts gewonnen, nichts verloren hat. Ein Anfänger, der ein wenig sektenhaft daherkommt, der naturgemäß handwerkliche Fehler begeht, der Veränderungen, gewaltige Veränderungen anstrebt – und seit wann vollziehen sich Veränderungen ohne Übergang?

Könnte es sein, dass sich die Bayern-Verantwortlichen – und die haben den Kader zusammengebaut – ein wenig berauscht haben am vermeintlich großen Wurf? Wer ist die einzige feste Größe in der Mannschaft? Philipp Lahm, und dann kann doch etwas nicht stimmen im Gefüge, wenn der, bei aller Größe, kleine Mann einzig die Verlässlichkeit personifiziert. Dass Klinsmann die andere mögliche feste Größe, Mark van Bommel, erst zum Kapitän macht, dann ihm die Macht nimmt, gehört zu den handwerklichen Fehlern. Hinzu kommt der Irrtum, die gelungenen Spiele der Champions League gegen die zweite und dritte Garde des europäischen Fußballs als eigene Stärke zu interpretieren. Bayern ist nicht unter den besten acht Klubs in Europa, Bayern ist Achter. In der Bundesliga sind sie in der Lage, Eintracht Frankfurt vorzuführen, toll, aber mit der Selbstüberschätzung gerade auch der Führungsetage, zu mehr in der Lage zu sein, sind sie international auf die Nase gefallen und national in die Bredouille geraten. Letzteres werden sie wahrscheinlich korrigieren. Danach können sie vielleicht wieder klar sehen.

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