Marcel Reifs Kolumne : Erfolgreich durch Bescheidenheit

Jahrelang hat Hannover 96 verkehrt gemacht, was man verkehrt machen kann. Weil sie mittlerweile seriös und ruhig arbeiten, stehen sie in der Tabelle nun dort, wo sie mit Größenwahn nie hingekommen wären, meint unser Kolumnist Marcel Reif.

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Wer 114 Jahre alt ist, hat wohl Tradition. Und eine ansehnliche Vita hat Hannover 96 auch, vertritt eine Großstadt mit willigem Publikum und entsprechenden Möglichkeiten, aber zur Größe hat es dann doch nie gereicht. Und wird es wohl auch nicht in dieser erstaunlichen Saison, auch nicht, wenn sie heute den Hoffenheimern trotzen in deren Heimstatt. Das wissen sie selber, dass die Champions League oder kleinere europäische Weihen am Ende noch ein, zwei Nummern zu groß sein werden. Aber überraschend ist schon, wie seriös, wie klar und ruhig Klub und Mannschaft, Trainer, Management und Vorstand in dieser Saison daherkommen. Weniger erstaunlich ist, dass sie mit diesen Vorgaben Erfolg einfahren, so etwas kommt nämlich von so etwas.

Jahrelang, oder sagt man besser jahrzehntelang?, haben sie in Hannover verkehrt gemacht, was man verkehrt machen kann. Mit einem Präsidenten, der sich im Irrglauben aufführte, er stünde einem großen Wirtschaftsunternehmen vor. Mit einem Manager und wechselnden Trainern, die sich im Zweifel lieber an die Gurgel gingen, als an einem Strang zu ziehen. Und als sie zur Provinzposse verfielen und läppisch wurden, obwohl sie, wohl eher zufällig als zukunftsorientiert geplant, Spieler verpflichten konnten, die Perspektive versprachen – ich denke an Forssell, an Schlaudraff – und doch keine Mannschaft wurden, da wurden sie in die Schockstarre gestoßen durch Robert Enkes Tod.

Es verbieten Anstand und Verstand, irgendwelche Zusammenhänge zu konstruieren außer der Hoffnung, sie mögen ein wenig gelernt haben aus dem Schicksalsschlag. Es gilt festzuhalten, dass sich Präsident Kind, Manager Schmadtke und Trainer Slomka in ihren Revieren aufhalten, jeder seiner, und nur seiner Arbeit nachgeht, sich nicht mehr gegenseitig reinpfuschen und sich jeglicher großmannssüchtiger Träume enthalten. Es ist nichts zu hören aus Hannover, und es wäre auch lächerlich, dass sich 96 zum Kronprinzen berufen fühlt und in die Phalanx der Bremer, Dortmunder, Schalker einzudringen gedenkt. Offensichtlich tut ihnen die Bescheidenheit gut. Und wenn sie diese Saison mit einem einstelligen Tabellenplatz beenden, dann war es eine sehr gute Saison für Hannover 96.

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