Marcel Reifs Kolumne : Hertha hat gewonnen - an Gefühl

Hertha hat gegen Borussia Dortmund die Tabellenspitze verspielt. Doch viel wichtiger ist es, dass die Berliner Fußballer nach und nach die Herzen der Berliner gewinnen.

Marcel Reif
Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Von den Bayern hat es immer geheißen, es zeichne sie aus, dass sie die Geduld wahren, dass sie auch bei Rückstand nicht in Hektik verfallen und stets mit breiter Brust ihren Stil durchziehen. Gestern gab es in Berlin beim Spiel der Hertha gegen Borussia Dortmund in der zweiten Halbzeit bei Rückstand der Hertha eine Szene – also ich meine, wenn die nicht von Selbstbewusstsein geprägt war, dann ist es keine. Raffael schnappte sich den Ball und spielte in aller Ruhe die halbe Dortmunder Mannschaft aus. Das war der Ausgleich der Berliner. Und der Treffer, der den Traum Berlins am Leben hält. Der Traum? Die Meisterschaft? Ja, gut, daran mag mancher gedacht haben mit kühner Fantasie. Aber ist nicht der wahre Traum, dass Berlin seine Liebe gefunden zu haben scheint zur Hertha?

Es geht weiterhin eng zu an der Tabellenspitze, und Hertha ist, trotz der ersten Heimniederlage nach gefühlten Jahren, trotz des Verlustes der Tabellenführung, immer noch dabei. Das ist viel mehr, als man vor der Saison von Hertha erwartet hatte. Und Berlin freut sich mit Hertha und leidet mit Hertha. Hoffenheim mag die Mannschaft der Hinrunde gewesen sein, Wolfsburg mag Meister werden (auch, weil Bayerns breite Brust gestern nicht mal Größe S war, allenfalls XXS), aber Herthas Marsch ins Herz der Hauptstadt ist ebenso hoch zu bewerten. Vorausgesetzt, sie machen es sich nicht wieder alles selber kaputt. Ich meine den destruktiven Machtkampf zwischen Manager Hoeneß und Trainer Favre. Hertha ist auf dem richtigen Weg. Dafür hat der Manager seinen Teil geleistet, dazu hat der Trainer seinen Teil beigetragen. Hertha und Berlin sind gewiss nicht schlecht beraten, wenn auch sie Geduld zur Tugend erklärten.

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