Marcel Reifs Kolumne : Ich, der Profimensch

Die Luft ist raus aus der Saison, die Meisterschaft, theoretisch hin oder her, entschieden. Wie sorgt man dann für Spannung? Unser Kolumnist Marcel Reif stellt sich vor, was in den Köpfen der Fußballprofis dabei vor sich geht.

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Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Aber ja, der Fußball ist Kommerz, er ist Gier, hat kein Herz mehr, ist Maschinerie, Gelddruckmaschine, Jahrmarkt der Eitelkeiten, und was gibt es noch an Stereotypen? Stereotyp ist es auch anzumerken, dass der Fußball von einer Art Wesen geprägt ist, von ihr gestaltet wird, regiert, gespielt, man nennt diese Art Wesen Menschen. Doch ja, es sind Profis zwar allesamt, bestverdienende Profis, aber Profi ist auch nur einen Untergattung, möglicherweise von Fall zu Fall eine degenerierte Untergattung, aber Menschen mit ihren Unzulänglichkeiten, ihren Fehlern und Nachlässigkeiten sind auch sie. Ein paar von diesen haben jetzt zweimal gegen Kasachstan gespielt. Ein paar Kollegen haben dabei im Fernsehen, Radio, anderswo versucht, die Stimmung hoch zu halten, Gott ja, was soll man auch machen, wenn die sportliche Konstellation nicht mehr Spannung hergibt. Diese Profimenschen auf dem Rasen haben dann kurz die Sache richtiggestellt, und dann die Luft raus gelassen. Unprofessionell? Ja, klar.

Wie die Luft ohnehin raus ist aus der Saison. Mal angenommen, ich wäre Profi bei Borussia Dortmund. Ich glaube, ich hätte die vergangenen beiden Nächte vor Aufregung nicht schlafen können, weil ich mit einem Sieg in Stuttgart die Meisterschaft des FC Bayern um eine Woche hätte verzögern können. Ein Knaller! Sieben Tage Aufschub! Kann man sich das vorstellen? Wahrscheinlich hätte ich vier Tage nicht schlafen können.

Oder die Profimenschen des FC Bayern München. Die werden die vergangenen Tage überlegt haben, was denn passiert, wenn Borussia Dortmund in Stuttgart patzt, wenn sie denn überhaupt einen Gedanken an die Dortmunder verschwendet haben. Sollten sie am Abend dann rennen, wie vom Teufel besessen, um den Titel schon vor der Zeit zu holen, wo sie doch am Dienstag bereits viel Wichtigeres gegen Juventus Turin zu erledigen haben? Und was, so dürfte der Bayern-Profimensch überlegt haben, was, wenn Dortmund nicht patzt, und ich, der Bayernprofi erst nächste Woche Meister werde? Wahrscheinlich wird er denken, dass so ein Profi-Dasein manchmal auch ein wenig nervend sein kann, weil seine Kumpels jetzt am Samstagabend ins Kino oder die Kneipe gehen können, während er auf irgendeinem Fußballplatz der Nation herumsteht und ein völlig belangloses Spiel spielt. Keine Frage, Fußball ist Kommerz, ist Gier, ist Maschinerie und Gelddruckmaschine. Aber wenn die Luft raus ist aus dem Fußball, dann ist er schlaff. Und dann müssen die Profis, die eben auch Menschen sind, ihn erst wieder aufpumpen, um ihn zum Hüpfen zu bringen. Im Ligageschäft erst in der nächsten Saison wieder.

Marcel Reif ist Chefkommentator bei Sky.

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