Marcel Reifs Kolumne : Schalkes Horrorzahlen und starke Leistungen

Es ist fast ein Wunder, die Diskrepanz zwischen Vereinszustand und sportlichem Ertrag auf Schalke, meint Marcel Reif.

Marcel Reif
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Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Ob Felix Magath wirklich wusste, was ihn auf Schalke erwartet? Es war ja nicht so, dass Magath seit Monaten und Jahren händeringend nach einer Anstellung gesucht hätte. Oder dass man ihn hätte loswerden wollen in Wolfsburg, statt mit ihm die erreichten Pfründe zu verteidigen und ums internationale Geschäft zu erweitern. Er ist aus freien Stücken nach Gelsenkirchen gegangen und wenn er denn wusste von den 250 Millionen Euro Verbindlichkeiten, die den „Konzern Schalke 04“ laut Vereinsmitteilung drücken, dann darf man ihm einen nahezu hasadeurhaften Mut zur Herausforderung unterstellen. Oder sollte man besser von einer maßlosen Hybris sprechen? Jetzt hat die Gelsenkirchener Gesellschaft für Energie und Wirtschaft mbH (abgekürzt GEW) mit 25,5 Millionen ausgeholfen – vorausgesetzt, die kolportierten Zahlen stimmen – aber was sind 25,5 Millionen gegen eine Viertelmilliarde? Und ist es nicht fatal, wenn das Tafelsilber verscherbelt werden muss, in diesem Fall Stadionanteile?

Es ist im Übrigen fast schon gleichgültig, ob die Horrorzahlen bis auf die letzte Ziffer nun stimmen – der Verein dementiert sie nicht und bestätigt sie nicht –; die Außendarstellung ist auf jeden Fall katastrophal. Wahrscheinlich ist es ganz gut, dass das Geflecht der Irrungen derart kompliziert ist, dass kein Spieler in die Versuchung kommt, es zu verstehen und damit ein Alibi findet für mindere Leistung. Denn das ist ja fast ein Wunder: Diese nicht in Einklang mit allen Fußballweisheiten zu bringende Diskrepanz zwischen Vereinszustand und sportlichem Ertrag. In dem macht Magath da weiter, wo er in Wolfsburg aufgehört hat.

Da schickt er Spieler auf den Platz, halbe Kinder noch, die kannte kein Mensch, die folgen ihm blind. Da zerschlägt er mal kurz die Klüngelwirtschaft im Team und belässt allenfalls noch Bordon als eine Art Herbergsvater in der Mannschaft. Da führt er Kuranyi zu alter Stärke zurück. Und da versöhnt er die Fans mit ihrem entrückten Klub und lässt sie träumen von damals, als Schalke Meister war vor acht Jahren, wenn auch nur für Sekunden. Die Mannschaft beginnt sich zu sammeln, fängt an, Fahrt aufzunehmen. Es ist fast wie in Wolfsburg, so offensiv, so dynamisch. Allein, dort sprach man nicht über Geld, man hatte es. Auf Schalke hat man Schulden und es wird darüber geredet werden müssen.

Dass gestern beim Spiel von S04 gegen Bayer Leverkusen mit Trainer Jupp Heynckes zwei Altmeister der Zunft aufeinander trafen und ihre Mannschaften zu einem bis zum 2:2-Schlusspunkt spannenden Spiel führten, fast hätte man es vergessen können im Zahlenwirbel. Aber, dass sich die Jungen von beiden noch viele Scheiben abschneiden können, das sollte nicht untergehen. Weil es so ist.

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