Marcel Reifs Kolumne : Wo wäre Hertha ohne Hoeneß?

Hertha hat etwas emotionslos verloren. Vielleicht auch, weil die Unruhe in der Vereinsführung den Spielern Alibis verschafft. Man sollte auch Dieter Hoeneß ein wenig dankbarer sein, meint Tagesspiegel-Kolumnist Marcel Reif - und liefert noch ein P.S. zu sich selbst und den Bayern.

Marcel Reif
Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Sehr diszipliniert trete die Mannschaft in dieser Saison auf, sagte Dieter Hoeneß vor dem Spiel, und deshalb stehe sie dort, wo sie steht. Ziemlich weit oben. Ja, und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Das ist so, und deswegen wäre Hertha zu loben, der Trainer Favre zu preisen, weil er eine Mannschaft mit Struktur aufgebaut hat, die Perspektive hat, weil er in absolut erstklassiger Manier die Akte Pantelic behandelt und meistert, so gut, dass die Mannschaft sich emanzipiert hat von dem Star, so gut, dass selbst dieser gleichermaßen Exzentriker und Könner sich fügt und leidlich friedlich im Bedarfsfall auf der Bank Platz nimmt. Und wenn er dann reinkommt, dann macht er sein Tor. Es wäre der Transfer Woronins hervorzuheben, einer Personalie, die viel zur Befriedung des Kaders beigetragen hat.

Dieter Hoeneß hat lange gewirkt  - und das war gut so

Und es wäre zum langen Atem zu beglückwünschen, mit dem Hertha den Manager Hoeneß, Dieter hat wirken und werken lassen, bis der Klub da steht, wo er jetzt steht. Gewiss hat es Stagnationen gegeben auf dem Weg, gewiss hat der Manager oft, und vielleicht auch zu oft, den Sonnenkönig abgegeben, der allein zu glauben weiß, was dem Hertha-Staat zuträglich ist. Und dennoch, Hertha steht nicht trotz Dieter Hoeneß so gut da, wie seit Jahrzehnten nicht (die Champions-League-Teilnahme mal ausgenommen, aber die war ein Glücksfall, ein Unfall der Geschichte zu diesem Zeitpunkt), sondern auch wegen Dieter Hoeneß.

Viel Grund zur Freude also. Und kein Grund, sich zu benehmen, wie es ein Wolfsrudel tut. Das Alphatier hat einen Moment geschwächelt und sich selbst dargestellt, als das Gesamtwerk zu loben gewesen wäre. Na und? Hertha bewegt sich, Schritt für Schritt, wie das nun einmal ist in der Vorwärtsbewegung, an dem Punkt, um Meister zu werden ist sie wohl noch nicht, auch nicht da, um Europa das Fürchten zu lehren, wie das Spiel gegen Galatasaray gezeigt hat, aber sie ist auf dem richtigen und guten Weg. Viel misslicher kann in dieser Situation das Geheul der Betatiere im Rudel nicht sein. Wenn es ein Gesetz im Fußball gibt, dann das, dass Unruhe in der Vereinsführung den Spielern Alibis verschafft. Hertha verlor am Samstag etwas emotionslos gegen Schalker, die doch eigentlich völlig von der Rolle sind. Pech? Zufall? Kann passieren? Na ja. Wäre vielleicht hilfreich, wenn die Funktionärsebene auch mal diszipliniert auftritt.

In eigener Sache: Marcel Reif und die Bayern

Noch ein PS in eigener Sache, und weil ich hier im Forum stets als Bayern-Fan tituliert werde. Eine Anekdote vorweg: Es ist noch nicht so lange her, da lief ich durch die Halle des Münchner Flughafens. Ein an Schal und Mütze erkennbarer Bayern-Fan kam mir entgegen und rief mir zu: „Gell, Herr Reif, heute aber mal ein bisschen objektiver für die Bayern.“

Mal abgesehen davon, dass es etwas schwierig ist, objektiv und für etwas zu sein, was ich sagen will: Im gleichen Maße, wie ich hier und außerhalb Bayerns als Bayern-Fan gelte, gelte ich in Bayern und unter Bayern-Fans als Bayern-Hasser. Ein doch recht erstaunlicher Widerspruch, den ich jedoch nicht auflösen kann.

Was ich allerdings tue: Ich respektiere Leistung und anerkenne den Erfolg. Beides, und das dürfte auch unter Bayern-Gegnern unumstritten sein, ist beim FC Bayern reichlich vorhanden. Hochachtung von mir dafür, wie auch Hochachtung von mir in dieser Saison für Hertha und die Hoffenheimer, und wer auch sonst mit ehrlichem Bemühen, Leidenschaft und Seriosität Leistung erzielt.

Fan jedoch bin ich von keinem Genannten, nicht einmal von einem derzeitigen Erstligisten. Im Fußball ist es, zumindest bei mir, anders als in der Liebe: Man verliebt sich einmal – und diese Liebe hält. Um wen ich weine? Um den Verein meiner Kindheit, meiner Jugend, meines Lebens, um den 1. FC Kaiserslautern.

Herzlichst, Marcel Reif

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