Marcelinho, Bart Goor und Co. : Die Halbjahresbilanz von Hertha BSC

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Frohe Weihnachten? Für Fußballfans sind diese festlichen Tage eher schwierige Tage. Die Fußballbundesliga steht still. Kein Ball rollt mehr, die Fankurven in den Stadien sind verstummt. Bis zum Trainingsauftakt am 4. Januar dürfen die Fußballprofis von Hertha BSC entspannt die Füße hochlegen. Doch dürfen auch alle zufrieden sein? Hertha BSC investierte im Sommer rund 32 Millionen Mark in acht neue Spieler: Marcelinho, Bart Goor, Denis Lapaczinski, Andreas Neuendorf, Roberto Pinto, Torben Marx, Joel Tchami und Nderim Nedzipi. Was haben diese Spieler in den vergangenen sechs Monaten gebracht? Wie haben sie sich unter Trainer Jürgen Röber entwickelt? Was darf man noch erwarten? Wir ziehen Halbjahresbilanz und lassen Herthas Manager Dieter Hoeneß sowie den Fan Manfred Sangel, Moderator der Radiosendung "Hertha-Echo", zu Wort kommen.


Marcelinho

Der Brasilianer ist 26 Jahre alt und kam für eine Ablösesumme von 14,2 Millionen Mark von Gremio Porto Alegre. In der Bundesliga hat Marcelinho 17 Spiele absolviert. Er schoss sieben Tore und bereitete zwei Treffer vor. Im Uefa-Cup und im DFB-Pokal gelang ihm jeweils ein Tor.

Das sagt der Manager: Ein Volltreffer, auch als Typ! Der ist stinksauer, wenn er nicht spielen darf. Er hat sich viel besser integriert als Alex Alves, der für Marcelinho ungewollt Pionierarbeit geleistet hat.

Das sagt der Fan: Marcelinho rennt ja noch mehr als einst Hacki Wimmer. Er überragt alle anderen Neueinkäufe. Er schießt Freistöße und Eckbälle, übernimmt also Verantwortung. Bei ihm ist es jedoch ein schmaler Grat zwischen Genialität und Dusseligkeit.

Das sagt der Tagesspiegel: Mein Gott, schon wieder ein blondierter Brasilianer! Hat Hertha BSC aus dem Fall Alex Alves nicht gelernt? Die Bedenken waren groß, als Hertha Marcelinho für etliche Millionen Mark nach Berlin holte. Doch im Liga-Pokal erzielte er zwei Tore, zeigte enorme Laufbereitschaft und gute Technik. Nur als die Bundesliga begann, da lief es plötzlich nicht mehr so gut: Marcelinho und Sebastian Deisler standen sich gegenseitig auf den Füßen herum. Als Herthas Kreativabteilung mit Deisler und Beinlich ausfielen, übernahm Marcelinho die Chefrolle auf dem Platz. Er schließt Aktionen ab. Marcelinho schaffte so den Sprung in die Nationalmannschaft Brasiliens. Marcelinho hat es mit sieben Treffern zum torgefährlichsten Spieler gebracht. Seine Schwäche ist das Kopfballspiel. Außerdem benutzt er nur den linken Fuß. Das rechte Bein hat er, um nicht umzufallen. Der beste Neuzugang seit Jahren - würde dieser Mann nur manchmal ein bisschen mehr auf dem Platz überlegen. Dennoch: Er hat die Mannschaft nach vorne gebracht.


Bart Goor

Der belgische Nationalspieler ist 28 Jahre alt. Hertha überwies 12,5 Millionen Mark an den RSC Anderlecht. Bart Goor absolvierte in der Bundesliga 15 Spiele. Er schoss drei Tore und bereitet drei Treffer vor.

Das sagt der Manager: Bart Goor hat vom Systemwechsel profitiert und kommt als hängende Spitze besser zurecht. Durch seine Tore fällt er jetzt mehr auf und spielt spektakulärer. Außerdem wirkt er jetzt sicherer. Fachleute haben sein Können allerdings auch schon vorher erkannt.

Das sagt der Fan: Goor hat Anfangs sehr unglücklich gespielt. Teuer heißt nicht gleich gut. Aber es geht voran, nicht nur wegen seiner drei Tore. Goor ging zuletzt wirklich ans Limit und rannte jedem Ball hinterher. Er hat mich überzeugt."

Das sagt der Tagesspiegel: Jürgen Röber hat Bart Goor für die linke Außenbahn geholt. Dabei hatte Hertha das Problem auf der rechten Seite, weil Deisler ins zentrale Mittelfeld wechselte. Goor konnte nicht so offensiv spielen, da vor ihm Marcelinho auf der halblinken Position herumschwirrte. Nachdem Röber das System auf 4-3-3 umstellte, ging Goor auf die rechte Stürmerposition und hat sich nach den Anlaufschwierigkeiten doch noch positiv entwickelt. Das darf allerdings bei seiner Ablösesumme auch erwartet werden. Goor, beidfüßig, erzielte beim 3:1-Sieg gegen Bremen sein erstes Tor - elegant mit der Picke. Er sagte: "Das wollte ich so." Leider hat ihm das niemand abgenommen. Hat sich kurz vor der Winterpause einen Bänderriss am Sprunggelenk zugezogen und fiel sechs Wochen aus. Er geht angeschlagen in die Rückrunde. Wenn er fit ist, ist Goor eine Verstärkung.


Denis Lapaczinski

Der 20-jährige U-21-Nationalspieler kam für 4,5 Millionen Mark vom SSV Reutlingen. Er hat für Hertha in der Bundesliga sechs Spiele absolviert.

Das sagt der Manager: Lapaczinski hat die Umstellung zur Ersten Liga nicht sofort vollzogen. Langsam wird er besser und auch den vielen Vorschusslorbeeren langsam gerecht. Es wird wohl zunächst so bleiben, dass er mal spielt und mal eine Pause bekommt.

Das sagt der Fan: Sicherlich ein großes Talent, aber man darf ihn nicht mit Deisler oder Kehl vergleichen. Das sind absolute Ausnahmen. Lapaczinski kommt aus der Zweiten Liga, aus einem Nest. Der Sprung in eine Weltstadt wie Berlin ist schwierig. Dennoch: Der wird was.

Das sagt der Tagesspiegel: Lapaczinski ist ein Neuzugang mit Perspektive. Er gilt als eines der größten Defensivtalente der Bundesliga. Beim SSV Reutlingen, in der vergangenen Saison Tabellensiebter der Zweiten Liga, war Lapaczinski mit seinem jungen Alter Abwehrchef. Bei Hertha BSC aber lief es nicht gut: Er musste sich erst an das Tempo und die Zweikampfhärte der Ersten Liga gewöhnen. Lapaczinski saß zunächst nur auf der Ersatzbank. Er erklärte sich immerhin bereit - im Gegensatz zu Roberto Pinto -, bei den viertklassigen Hertha-Amateuren Spielpraxis zu sammeln. Er hat sich langsam ans Profi-Team herangekämpft. Lapaczinski wirkt aber, wie auf Schalke, recht nervös und übermotiviert. Das ist seiner Unerfahrenheit zuzuschreiben. Lapaczinski ist eine Verstärkung - in der kommenden Saison.


Andreas Neuendorf

Der 26-jährige Mittelfeldspieler ist gebürtiger Berliner und kam jetzt ablösefrei von Bayer Leverkusen zurück. Danach absolvierte er zwölf Spiele in der Bundesliga für Hertha, wurde davon neun Mal eingewechselt. Er erzielte zwei Tore - bei den 2:1-Siegen über die Bayern und Leverkusen. Für Hertha spielte er bereits in den Jahren 1997 bis 2000. Da machte er schon 30 Spiele für Hertha BSC.

Das sagt der Manager: Wenn man sich einen Berliner malen müsste, dann käme dabei Neuendorf heraus. Zecke war ja eigentlich gar nicht weg, sein Geist war immer hier. Hertha hat aber - zum Glück - ein Überangebot von guten Spielern, deshalb war es für ihn zunächst schwierig. Als dann das Verletzungspech kam, zeigte sich, wie wichtig ein großer, ausgeglichener Kader ist. Wenn Neuendorf reinkommt, gibt es keinen Leistungsabfall. Das ist wichtig. Dennoch wird es für ihn wieder schwer, wenn alle fit sind. Aber das wird natürlich Jürgen Röber entscheiden.

Das sagt der Fan: Mit Zecke können sich Fans identifizieren. Er reißt mit, das hat er gerade in den vergangen Spielen gezeigt. Und: Er meckert wenigstens mal. Das macht ja sonst niemand in dieser Mannschaft.

Das sagt der Tagesspiegel:Andreas Neuendorf ist ja kein richtiger Neuzugang. Dieser Mann muss in Berlin bestimmt nicht integriert werden. Außerdem war er ablösefrei - das sprach auch für seine Verpflichtung. Er ist ein typischer Einwechselspieler, sehr aggressiv, laufstark und technisch versiert. Neuendorf ist Instinktfußballer. Bei Hertha BSC hat er sogar schon den Liberopart übernommen. Ihm fehlt aber bislang immer noch die Konstanz über mehrere Spiele hinweg. Neuendorf ließ sich vor einigen Tagen an der Leiste operieren. Dennoch soll er am 4. Januar wieder ins Mannschaftstraining einsteigen.


Roberto Pinto

Der 23-jährige Portugiese kam ablösefrei vom VfB Stuttgart. Bislang brachte er es für Hertha nur auf zwei Einsätze in der Fußball-Bundesliga.

Das sagt der Manager: Er hat sich schwer getan, obwohl er in Stuttgart schon Stammspieler war. In Berlin hat er sich zunächst nicht heimisch gefühlt. Aber Pinto ist ein junger Kerl und wird sich steigern. Als er zuletzt eingewechselt wurde, hat er durch seine Sololäufe und sein Engagement schon viel geleistet.

Das sagt der Fan: Er bringt Potenzial mit: Erfahrung, Grundschnelligkeit. Der soll viel Geld verdienen, das ist mir aber egal. So etwas ist Privatsphäre. Pinto war verletzt und hat nur zwei Spiele gemacht. Geben wir ihm noch ein bisschen Zeit.

Das sagt der Tagesspiegel: Was hat man von ihm erwartet? Dass er die Lücke füllt, die Deisler auf der rechten Außenbahn hinterlassen hat? Er ist jung, trickreich, schnell. Auch ablösefrei. Die Mannschaft aber hat er nicht verstärkt. Pinto ist Mitläufer. Wenn Hertha BSC in die Champions League will, schafft es der Klub sicherlich auch ohne ihn.


Torben Marx

Der 20-jährige Mittelfeldspieler kam aus der eigenen Amateur-Mannschaft und hat ein Bundesliga-Spiel absloviert.

Das sagt der Manager: Er ist sehr schnell und schießt sehr stark. Doch ihm fehlt das Temperament, der Pfeffer. Daran muss er arbeiten.

Das sagt der Fan: In Kaiserslautern durfte er plötzlich spielen, saß im nächsten Spiel auf der Ersatzbank und dann nicht einmal mehr das. Da verstehe ich Röber nicht. Man muss ihm mehr Chancen geben. Er hat das Zeug.

Das sagt der Tagesspiegel: Marx kam aus Herthas Amateurmannschaft und beißt sich langsam durch. Seine Qualitäten bei den Amateuren hat er bei den Profis noch nicht nachgewiesen. Er könnte nach Jahren der erste Spieler sein, der den Sprung aus der eigenen Jugend schafft. Dennoch: Marx ist bereits 20 Jahre alt. Viel Zeit für seinen Durchbruch hat er nicht mehr.


Joel Tchami

Der 19-jährige Stürmer aus Kamerun kam ebenfalls von Herthas Amateuren und wurde bislang einmal eingewechselt. Joel Tchami ist der jüngere Bruder des ehemaligen Hertha-Stürmers Alphonse Tchami.

Das sagt der Manager: Er gehört noch nicht richtig dazu. Wir rechnen erst im nächsten Jahr mit ihm bei den Profis. Er braucht noch etwas Zeit.

Das sagt der Fan: Der mit Abstand torgefährlichste Stürmer bei Herthas Amateuren. Schnell, guter Schuss, nur nicht so robust gebaut. Viele Stürmer hat Röber aber nicht. Warum nicht öfters ihn?

Das sagt der Tagesspiegel: Ob er den Sprung schafft, ist fraglich. Marx scheint vom Taktischen her einen Schritt weiter. Joel Tchami spielt vorerst weiterhin bei Herthas Amateuren. Keine Verstärkung.


Nderim Nedzipi

Der 17-jährige Mazedonier kam für immerhin 700 000 Mark von Sloga Skopje. Seine Bilanz: kein Spiel; kein Tor. Erholt sich derzeit von einem Kreuzbandriss.

Das sagt der Manager: Ich glaube fest an ihn. Natürlich hat ihn die schwere Verletzung zurückgeworfen. Nderim Nedzipi wird aber den Durchbruch schaffen. Da bin ich ganz sicher. Denn dieser Junge ist wirklich toll. Er fällt nicht nur durch sein Fußball-Talent auf, sondern auch durch seine Intelligenz und seinen trockenen Humor. Nedzipi benimmt sich kein bisschen blöd oder so typisch jungprofihaft, wie das sonst oft zu sehen ist. Er muss aber noch viel Krafttraining machen, braucht noch viel Power. Der Junge sollte vor allem auch seinen Oberkörper trainieren, damit er sich auf dem Platz besser durchsetzen kann. Aber eins kann ich ganz sicher sagen: Nedzipi ist ein ganz besonderer Spieler.

Das sagt der Fan: Der Unbekannteste. Soll ein großes Talent sein. Aber so etwas hat Hertha schon oft gesagt. Hoffentlich kommt er nach seiner schweren Verletzung wieder auf die Beine.

Das sagt der Tagesspiegel: Angeblich hat ihn Dieter Hoeneß Inter Mailand vor der Nase weggeschnappt. Immerhin spielt er mit 17 Jahren schon in der mazedonischen Nationalmannschaft für die Unter-21-Jährigen. Da er bei Hertha bislang noch gar nicht gespielt hat, geben wir über ihn auch kein Urteil ab.

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