Sport : Marcelinho zwischen Team und Verein

Der Brasilianer will nun doch bei Hertha bleiben

Stefan Tillmann

Berlin - Kaum jemand hat es derzeit so leicht bei Hertha BSC wie Kotrainer Andreas Thom. Der ehemalige Stürmer darf im Training als Verteidiger die Bälle wegbolzen, den Stars Anweisungen erteilen – und vor dem Trainingsspiel von hinten auf Marcelinho zulaufen und ihn umarmen. Thom ist die Verbindung zwischen Cheftrainer und Mannschaft. Die Spieler binden Marcelinho wieder ein, sie brauchen ihren besten Mann. Trainer Falko Götz hat es schwerer, trägt mehr Verantwortung. Er sieht, dass Marcelinho sportlich schwer zu ersetzen ist. Doch dessen Eskapaden will er nicht mehr tolerieren.

Marcelinho fühlt sich wieder wohl im Training und will nun doch bei Hertha BSC bleiben. „Ich habe Fehler gemacht, aber damit ist jetzt Schluss“, sagt er leise. „Ich will bleiben.“ Wenn es ginge, auch über seinen Vertrag bis 2007 hinaus. „Bis zum Karriereende!“, sagt er und schmunzelt, weil er weiß, wie unwahrscheinlich dies ist. Seine Berater bleiben in Verhandlungen, mit ZSKA Moskau und Trabzonspor gibt es Gespräche.

Gestern, bei Herthas Testspiel gegen den Hamburger Regionalligisten FC St. Pauli, stand Marcelinho sogar in der Startelf und durfte 90 Minuten durchspielen. Doch das will nichts heißen. Götz hatte eine 1b-Mannschaft aufgeboten, mit Kevin Stuhr-Ellegard im Tor und den beiden Jungprofis Robert Müller und Amadeus Wallschläger in der Abwehr. Trotzdem gewannen die Berliner 4:0. Marcelinho spielte engagiert wie schon zuletzt im Training, erzielte kurz vor der Pause das 4:0 und sah in der zweiten Halbzeit für ein Foul an der Mittellinie die Gelbe Karte.

Die Mannschaft hat den Brasilianer wieder aufgenommen, der Verein noch lange nicht. Dabei wäre ein Verbleib Marcelinhos die einfachste Lösung für alle Beteiligten. Falko Götz und Herthas Manager Dieter Hoeneß müssten nicht weiter auf Spielersuche gehen. Mit dem Stürmer Srdjan Lakic ist sich Hertha zwar einig, nicht aber mit seinem Klub Kamen Ingrad Velika. Der 22 Jahre alte Kroate gilt ohnehin zunächst einmal als Talent. Einen Ersatz für Marcelinho müssten die Berliner darüber hinaus erst noch suchen – und bezahlen.

Dennoch: Hoeneß und Götz wissen, dass sie konsequent sein müssen. Viermal hintereinander kam Marcelinho zu spät aus dem Urlaub, unzählige Eskapaden leistete er sich auch in Berlin: Schon um für künftige Stars ein Zeichen zu setzen, versuchen sie ihn abzugeben. Die neuerlichen Beteuerungen nehmen sie gar nicht mehr ernst. „Der sagt jeden Tag etwas anderes“, wiegelt Götz lächelnd ab. Hoeneß will sich zu dem Thema vorerst nicht mehr äußern. Auch er misstraut der neuen Kehrtwende.

Beim Training kommen sich Götz und Marcelinho immerhin näher. Fünf gegen zwei auf sieben Quadratmetern, das alte Spiel. Marcelinho zeigt Einsatz, versucht Götz den Ball abzugrätschen, doch der Trainer weicht aus. Auch in einer Gruppe mit Marko Pantelic und Josip Simunic bleibt Marcelinho der beste Fußballer. Spielerisch kommt keiner an ihn heran, kein Trainer an ihm vorbei.

Es ist gut möglich, dass es beim Sommertheater nur Verlierer gibt. Hertha wird wohl ohne seinen besten Spieler in die Saison gehen und sich mit der Suche nach einem neuen Star beeilen müssen. Viel Geld bekommt der Klub für den Exzentriker nicht mehr. Und Marcelinho muss sich auf einen neuen Verein einstellen. „Auf jeden Fall in Europa“, sagt er. Moskau gefalle ihm gut, und die Türkei zähle auch noch zum Kontinent.

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