Sport : Marcelinho

Wie Wolfsburgs Ex-Berliner gegen Hertha spielte

Sven Goldmann

Es ist kalt in Berlin, aber der kleine Mann mit dem blondierten Haar will ein Zeichen setzen. Mit kurzen Ärmeln und ohne Handschuhe läuft er auf den Rasen des Olympistadions, er will dem Publikum signalisieren: Seht her, hier kommt der neue Marcelinho, einer, der kämpft und alles gibt. Doch das Publikum interessiert sich nicht für kurze Ärmel und auch nicht dafür, dass der Brasilianer fünf Jahre lang Herthas Spiel geprägt hat wie kein anderer. Marcelinho trägt zwar wie früher ein blaues Trikot, aber er spielt jetzt beim Gegner, und Gegner werden ausgepfiffen. Um so lauter, wenn sie früher mal in Berlin gespielt haben.

Ein paar Minuten lang wirkt Marcelinho überrascht vom unfreundlichen Empfang, er hält sich zurück und kommt erst nach drei Minuten zum ersten Mal in Ballnähe, als er den Arm gegen Pantelic ausfährt – Freistoß für Hertha. Doch je länger das Spiel andauert, desto mehr beflügeln Marcelinho die Pfiffe, die ihn bei jedem Ballkontakt begleiten. Sein geschickter Pass in die Tiefe findet Menseguez, doch dessen Flanke segelt zu weich in den Strafraum. Kurz darauf ermöglicht sein Eckstoß von der rechten Seite dem VfL die erste Torchance. Hofland vergibt sie. Jeder Angriff läuft jetzt über die Nummer 32, leichtfüßig läuft er der Berliner Abwehr davon, Fathi kann ihn an der Strafraumgrenze nur auf Kosten eines Freistoßes stoppen. Marcelinho schießt selbst, nicht hart, nicht platziert, aber Stuhr Ellegard lässt den Ball prallen und Madlung, der zweite Ex-Berliner, staubt ab zur Wolfsburger Führung. Jubelnd dreht Marcelinho ab. Das Publikum ist so verwirrt, dass es das Pfeifen vergisst.

Marcelinho prägt weiter das Geschehen, jeder Wolfsburger Angriff läuft über ihn, er spielt mal links, mal rechts, mal zentral. Kurz nach dem Berliner Ausgleich rennt ihn Gilberto von hinten über den Haufen. Herthas Brasilianer würdigt den Landsmann und früheren Mitspieler keines Blickes und verkneift sich eine Entschuldigung. In der zweiten Halbzeit sieht Dejagah für ein ähnliches Foul die Gelbe Karte. Auch Marcelinho kann austeilen, Gimenez bekommt es in der zweiten Halbzeit zu spüren, dafür sieht auch er Gelb. Spiel- und Lauffreude halten eine gute Stunde lang an. Danach häufen sich die Pausen, immer mehr Pässe misslingen, einmal springt ihm der Ball an der Mittellinie vom Fuß, den daraus resultierenden Konter schließt Gimenez mit schönen Drehschuss ab. Nur eine spektakuläre Parade von Jentzsch verhindert den Berliner Führungstreffer.

Es liegt vor allem an Marcelinhos Nachlassen, dass Hertha jetzt das Geschehen bestimmt. Nach dem folgerichtigen 2:1 rafft er sich zu einer letzten Energieleistung auf und trägt den Ball zum Anstoßkreis, aber es fehlt ihm die Kraft, dem Spiel noch eine Wende zu geben. Dann ist Schluss, Marcelinho herzt Gimenez und trabt trotzig vom Feld. Die Statistik weist für ihn 78 Ballkontakte aus, die meisten aller Spieler.

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