Sport : Marco Bode im Interview: "Die Heuchelei finde ich fragwürdig"

Herr Bode[hätte die kanadische Stadt Vancouv]

Marco Bode (31) begann seine Fußballkarriere einst beim VfL Osterode. 1988 landete er bei Werder Bremen, blieb dort und hat inzwischen 26 Länderspiele für Deutschland bestritten. In Bremen hat man ihn respektvoll als den "Mini-Gullit von der Weser" bezeichnet. Bode lag auch schon mal ein Angebot von Hertha BSC vor. Der als sehr bodenständig geltende Fußballer lehnte aber seinerzeit einen Wechsel nach Berlin ab. Heute tritt er mit dem SV Werder bei den Herthanern zum Kampf um Bundesligapunkte an.



Herr Bode, hätte die kanadische Stadt Vancouver einen guten Fußball-Klub, der Ihnen ein Angebot unterbreiten würde, könnten Sie dann standhaft bleiben?

Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Sie haben auf meiner Homepage gelesen, wie begeistert ich über meinen Urlaub in Vancouver war. Vielleicht wäre ich bei Vancouver schwach geworden. Mal im Ernst, das ist eine wunderbare Stadt, aber ich bin erst einmal dort gewesen und nur für eine Woche.

Hätten Sie damals das Angebot von Hertha BSC angenommen, ständen Sie heute an der Tabellenspitze der Bundesliga. Haben Sie Ihren Schritt bereut? Nein, ich bin niemand, der einmal getroffenen Entscheidungen nachhängt und dann, wenn es zu spät ist, denkt: "Was wäre passiert, wenn ... ?" Im Übrigen: Wer sagt überhaupt, dass Hertha mit mir auch an der Tabellenspitze stehen würde? (lacht)

Was hat seinerzeit für Bremen, was gegen Berlin gesprochen?

Bremen ist eine wunderbare Stadt. Der größte Unterschied zu Berlin ist sicher die Übersichtlichkeit. Es ist nicht so, als würde ich Großstädte überhaupt nicht mögen, und ich weiß, dass Berlin in einigen Stadtteilen noch einen sehr unmittelbaren Charakter hat. Viele kleinere Aspekte sind aber zusammengekommen, die letztlich für Bremen gesprochen haben. Am Ende war es eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.

"Sportlich ist die Bundesliga überall gleich", haben Sie damals gesagt, "da sehe ich keinen Grund zu wechseln." So gleich aber scheinen Hertha BSC und Werder im Moment dann doch nicht ...

Natürlich gibt es Unterschiede in der Qualität einer Mannschaft oder in der Situation, in der sich zwei Mannschaften gerade befinden können. Was ich damals gemeint habe, war, dass es für einen Spieler nach elf Jahren Bundesligazugehörigkeit keine großen Geheimnisse mehr gibt. Man spielt immer wieder in den gleichen Stadien, trifft immer wieder die gleichen Menschen. Wenn schon ein Wechsel, dann wären sicher ein neues Land und eine ganz neue Liga reizvoller.

An Bremen hängt Ihr Herz und das der Bremer an Ihnen. Haben Sie bisher einen Wechsel auch deshalb gescheut, weil diese Liebe nicht überall blühen muss?

Wollte ich dies alles aufgeben, eine gewisse Schwelle müsste ich dann sicher überschreiten. Denn grundsätzlich ist es natürlich sehr schön, wenn man so akzeptiert wird wie ich hier in Bremen. Ich verstehe das als Bestätigung, dass ich mehr als zehn Jahre für Werder spiele, mich die Leute aber trotzdem noch nicht über haben. Das ist nicht unbedingt die Regel in der Bundesliga. Im Gegenteil: Häufig wollen die Leute immer wieder neue Spieler sehen.

Es sind auch viele Kleinigkeiten, die Sie unterscheidbar machen von anderen Profis, etwa Ihre Homepage, auf der Sie Schach gegen Fans spielen oder auf der die Frau Ihres ehemaligen Kollegen Rune Bratseth erzählt, dass Sie gerade bei Ihnen zu Besuch ist. Ist Ihre Sozialisation komplett anders verlaufen als die der meisten Kollegen?

Nein, so anders als andere Fußballer bin ich nicht. Ich bin höchstens anders, als das Bild, das vom "normalen" Fußball-Profi in der Öffentlichkeit meist gezeichnet wird. Ich könnte Ihnen genügend Kollegen nennen, die auch nicht anders sind als ich: Christian Brand oder Jens Todt oder Dieter Frey ...

das sind gerade mal drei, und viel mehr wollen mir auch nicht einfallen. Warum wehren Sie sich eigentlich stets gegen das Image, der etwas andere Profi zu sein?

Dass ich mich auch für andere Dinge begeistere, heißt nicht, dass ich meinen Beruf weniger ernst nehme. Fußball hat für mich Priorität, die Beschäftigung mit anderen Dingen dient auch dazu, Druck abzubauen.

Wie groß der Druck im Profi-Fußball sein muss, zeigt die Tätlichkeit von Zinedine Zidane beim Spiel Turin gegen den HSV oder auch der Fall Daum. Spüren Sie heute einen stärkeren Druck als zu Beginn Ihrer Karriere?

Ich glaube schon. Ich versuche aber, das nicht an mich heran zu lassen. Denn neben dem Druck, der von den Medien aufgebaut wird, setzt man sich auch noch selbst unter Druck, weil man Woche für Woche seine Leistungen bestätigen will und auch die Anerkennung der Leute sucht.

Blickt man auf die Titelseiten der Gazetten, dann scheint Fußball tatsächlich das Wichtigste auf der Welt zu sein. Wie rücken Sie die Dinge für sich persönlich zurecht?

Das ist gar nicht so einfach. Natürlich weiß ich grundsätzlich, dass die politische Krise im Nahen Osten oder eine Umweltkatastrophe wichtiger ist als ein gewonnenes oder ein verlorenes Fußballspiel. Und doch besteht etwa nach einer Niederlage die Gefahr, dass das gesamte Lebensgefühl auf Tage hinaus von dieser Niederlage geprägt wird. Sich davon nicht mitreißen zu lassen, ist dann gar nicht so einfach.

Inwieweit beeinflusst Sie denn persönlich diese ganze Drogen-Geschichte um Christoph Daum, die Fußball-Deutschland in hellen Aufruhr versetzt hat?

Mich persönlich belastet das nicht, mir fällt allerdings auf, dass die Medien die Geschichte auspressen bis zum Letzten. Sollte Daum Drogen genommen haben, dann ist er selbstverständlich für die Folgen auch selbst verantwortlich. Man sollte aber auch darüber nachdenken, dass man die Gerüchte um seinen möglichen Drogenkomsum so lange stillschweigend toleriert hat, wie Daum als Trainer gut funktionierte. Die Heuchelei, die hier betrieben wird, finde ich zumindest fragwürdig.

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