Marcus Benthien : Spiel mit dem Selbst

In der Jugend galt Marcus Benthien als großes Volleyballtalent. Doch mit 20 kam die erschreckende Diagnose: Leukämie. Nun steht Benthien wieder auf dem Feld, obwohl er dabei sein Leben riskiert.

Anke Myrrhe
Benthien
Im Anflug. Marcus Benthien, hier vor seiner Erkrankung beim Beachvolleyball, hat den Traum vom Profisport noch nicht aufgegeben....Foto: privat

Marcus Benthien fröstelt es. Schnell reibt der blonde junge Mann mit den Händen über seine muskulösen Oberarme, dann ist die Gänsehaut, die sich gerade breitmachen wollte, wieder verschwunden. Mit der düsteren Kälte des Berliner Winters hat das allerdings nichts zu tun. Im Gegenteil. Es ist ein wohliges Frösteln, das Marcus Benthien da plötzlich heimsucht, ja er gerät regelrecht ins Schwärmen. Mit leuchtenden Augen erzählt der 22-Jährige, wie er vor ein paar Wochen zum ersten Mal wieder mit seiner Mannschaft aufgelaufen ist. Zum ersten Mal fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der niederschmetternden Diagnose: Leukämie.

Nun steht der Berliner wieder auf dem Volleyballfeld. Wie besessen trainierte der ehemalige Jugendnationalspieler für dieses Comeback beim TKC Wriezen in der Regionalliga Nordost. „Dafür hat sich das alles gelohnt“, sagt Marcus Benthien. Denn vor allem die Vorstellung, wieder Volleyball zu spielen, half ihm über die schlimmsten Phasen der Krankheit hinweg. „Ohne Volleyball wäre ich heute nicht mehr hier“, sagt er.

Marcus Benthien hat den Kampf gegen den Krebs gewonnen. Doch ganz genesen ist er noch lange nicht. Und noch immer raten ihm die Ärzte vom Volleyballspielen ab. Denn auf dem Feld schwebt der völlig gesund aussehende junge Mann eigentlich ständig in Lebensgefahr. Ein unglücklicher Ball – schon könnte er an einer inneren Blutung sterben. Marcus Benthien hat kein eigenes Knochenmark mehr im Körper, denn der Versuch einer Transplantation schlug fehl. Deswegen kann sein Körper kein eigenes Blut mehr produzieren und Benthien muss einmal in der Woche ins Krankenhaus, um sich „auffüllen“ zu lassen, wie er es nennt. Doch die ständigen Bluttransfusionen zerstören seinen Körper auf Dauer, vier Milzinfarkte hatte er bereits, seine Leber ist stark angegriffen. „Langsam wird es eng“, sagt der 22-Jährige. „Wenn nicht bald ein Spender gefunden wird, habe ich ein Problem.“

Auf der anderen Seite sind es auch die Bluttransfusionen, die das Volleyballspielen für Benthien zu so einer Gefahr machen. Er hat zu wenige Thrombozyten, die für die Blutgerinnung zuständig sind, weshalb innere Blutungen – ausgelöst zum Beispiel durch einen Ball an den Kopf oder in die Magengegend – schnell zum Tod führen könnten. Benthien scheint das derzeit wenig zu interessieren. „Mir ist es das einfach wert“, sagt er. Denn er weiß, dass er auf jeden Fall noch einmal ins Krankenhaus muss. Bestenfalls für einen zweiten Transplantationsversuch – sofern noch einmal ein Spender gefunden wird. Schlimmstenfalls, weil er Medikamente gegen die fortschreitende Zerstörung seines Körpers bekommen muss, die ihn wiederum bettlägerig machen würden.

Für Benthien gibt es deswegen nur eines: die Zeit, die er nun einigermaßen gesund hat, auf dem Volleyballfeld zu nutzen. „Ich muss mir auch die Motivation bewahren, dann weiterzukämpfen“, erläutert er. Und vor allem der Sport gibt ihm diese Motivation.

Volleyball war schon immer Teil des Lebens von Marcus Benthien. Sein Vater war Berliner Meister, sein Bruder René ebenfalls Jugendnationalspieler. Er selbst durchlief das Jugendprogramm des SCC bis zur Landesauswahl, war Berliner Jugendmeister in Halle und Beach. Mit einem Doppelspielrecht war er damals schon für den TKC Wriezen aktiv. 2007 kam dann das Angebot von Königs Wusterhausen, Benthien stand kurz vor der Erfüllung seines Traums: Die Netzhoppers waren gerade aufgestiegen, er würde in der Bundesliga spielen. Im allerersten Training allerdings der Schock: Plötzlich waren seine Unterarme blau. „Zuerst habe ich mir noch keine weiteren Gedanken gemacht“, erzählt Benthien. Doch binnen weniger Tage folgten Kopfschmerzen, Atemnot und Appetitlosigkeit. „Drei Wochen später konnte ich nicht mehr laufen“, erinnert er sich. „Ich war so schwach, dass ich mich nach zwei Metern hinsetzen musste.“ Es wurde ein Bluttest gemacht, der die erschütternde Diagnose brachte: 97 Prozent des Blutes waren mit Krebszellen durchsetzt. Die Chancen auf eine Genesung gingen praktisch gegen null.

Doch Marcus Benthien hatte viel Glück. Gleich am nächsten Tag wurde mit der Chemotherapie begonnen. 93 Kilo wog er, als er ins Krankenhaus kam, als er drei Monate später zum ersten Mal wieder nach Hause durfte, waren es nur noch 79. Einmal setzte sich sein Arzt zum ihm aufs Bett und sagte: „Marcus, schlaf besser nicht ein, sonst wirst du nicht mehr aufwachen.“ Doch er kämpfte, auch nach dem Fehlschlagen der Knochenmarks-Transplantation.

Dass Marcus Benthien seinen Lebensmut auch jetzt nicht verliert, liegt vor allem am Volleyball. Das „Auffüllen“ seines Körpers hat er mit Absicht auf den Donnerstag gelegt, damit er mit dem frischen Blut gleich danach zum Training gehen kann. Seit Mitte September tut er das regelmäßig, auch wenn er im Gegensatz zu seinen Mannschaftskollegen nur ein Training in der Woche bestreiten kann. „Für uns war sofort klar, dass er mitmachen kann“, erzählt Tom Schwenk, Trainer des TKC. „Auch wenn sein körperlicher Zustand am Anfang katastrophal war.“

Gerade mal fünf Minuten hielt Benthien anfangs durch. „Er hat sich Woche für Woche herangekämpft“, berichtet Schwenk. Jeden Morgen ging er laufen, machte viel Krafttraining. Sechs Wochen später trainierte er dann schon 90 Minuten. Doch noch immer kommt es vor, dass Benthien das Training abbrechen muss, weil er Farben sieht oder einfach kaputt ist. Aber er wollte sich unbedingt beweisen, dass er noch mithalten kann. Jeden Tag hatte er sich im Krankenhaus vorgestellt, wie es sein würde, wieder in die Halle einzulaufen, hatte Musik ausgesucht und geplant, welche Bilder an die Wand geworfen würden. „Es hat mich von der Krankheit abgelenkt und mich letztlich am Leben erhalten“, sagt Benthien.

Anfang Dezember beim Spiel gegen die Reinickendorfer Füchse war es dann endlich so weit: Mitte des zweiten Satzes kam Benthien aufs Feld. „Als ich eingewechselt wurde, hat die Mannschaft eine Traube um mich gebildet, alle haben mich gedrückt“, erzählt er begeistert. „Dann habe ich aufgeschlagen und gleich einen Punkt gemacht.“ Überwältigt von diesem Moment, fiel es ihm schwer, auf dem Feld die Tränen zu unterdrücken. Nach eineinhalb Sätzen aber wollte die Kondition einfach nicht mehr mitspielen. „Natürlich hat er noch deutliche Rückstände, was die Kraft und Kondition angeht, das ist ja völlig normal“, erklärt Trainer Schwenk. „Aber gerade in der Feldverteidigung können Einsatz und Emotionen viel wichtiger sein.“ Was Benthien auszeichne, sei vor allem die Liebe zum Sport. „Wenn er aufs Feld kommt, gibt das der Mannschaft neuen Schwung.“ So trug Benthien auch am folgenden Spieltag dazu bei, dass sein abstiegsbedrohtes Team überraschend den Tabellenzweiten USV Potsdam schlug.

Diese Erlebnisse spornen Marcus Benthien an, weiter zu kämpfen. Auch wenn die Ärzte ihm prognostizieren, dass es nichts mehr werden kann mit seinem Traum vom Profivolleyball. Er glaubt nach wie vor daran, dieses Ziel hat er immer vor Augen. Und das wird auch so sein, wenn er wieder ins Krankenhaus muss. „Dann werde ich immer an diese schöne Zeit denken“, sagt er. Zumindest die kann ihm niemand mehr nehmen.

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