Marianne Buggenhagen : Gold zum Abschluss

Marianne Buggenhagen gewinnt bei ihren fünften Paralympics zum neunten Mal Gold. Im Diskuswerfen setzt sie sich gegen weitaus jüngere Konkurrentinnen souverän durch - zum letzten Mal. Nach den Spielen von Peking macht die 55-Jährige Schluss.

Annette Kögel[Peking]
Paralympics - Marianne Buggenhagen gewinnt Gold mit Weltrekord im Diskus
Ein letzter großer Sieg. Marianne Buggenhagen holt bei ihren fünften Paralympics Gold mit dem Diskus.Foto: dpa

„Ich bin aufgestanden, und ich hatte das Gefühl, das wird heute was“, sagt Marianne Buggenhagen. „Es hatte geregnet, die Luft war sauber.“ Dann die Fahrt ins "Vogelnest", zum letzten Mal vor so großer Kulisse antreten. Den Diskus in die Hand nehmen, ihn wiegen und spüren. Diese typische Ausholbewegung, und dann: drei Würfe, und jeder einzelne von ihnen hätte gereicht für Gold. Einen würdigeren, einen schöneren Abschluss hätte es nicht geben können für die Grand Dame des  deutschen Paralympischen Sports. Mit diesem Auftritt, mit einer Goldmedaille verabschiedet sich die 55-Jährige von der internationalen Bühne.

Es war schwer, sie auch nur kurz zu sprechen. Ein Interview jagte das nächste, ein Fernsehtermin kam nach dem anderen. Der Himmel über Peking war grau, aber in ihrem Herzen schien die Sonne. Diese letzte große Reise, diese fünften Paralympics wird die Rollstuhlfahrerin nie vergessen. „Seit meiner Kindheit ist Sport eine Herausforderung für mich“, hat Buggenhagen immer gesagt. Und er war es erst Recht beim allerletzten Wettkampfwurf in der Karierre. „Von all den Chinesinnen, gegen die ich angetreten bin, wusste ich vorher überhaupt nichts.“ Zwar gab es vor kurzem die chinesichen Meisterschaften, „doch davon ist nichts nach draußen gedrungen.“ Die Frau in Schwarzrotgold musste gleich als zweite in den Ring. „Dann habe ich gesehen, die sind jung und schnell, da musst du dich ganz schön strecken. Und dann habe ich einfach alles gegeben, ich muss ja“, habe sie sich noch gedacht. Und geworfen. 27 Meter, nachdem die jungen Dinger es gerade mal auf 17 brachten. Buggenhagen liegt vorn, auch oder trotz der verschiedenen Starterklassen, die für die Sportlerinnen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen bei den Paralympics eine größtmögliche Vergleichbarkeit gewährleisten. Buggenhagen wird erste, die Chinesinnen bleiben abgehängt auf den Rängen zwei, vier, fünf. So bekommt Buggenhagen zum letzten Mal die Goldmedaille umgehängt, so  geht der Blick zum letzten Mal nach oben auf den Bildschirm überm "Vogelnest", in dem die Athletin sich jetzt noch einmal selbst ganz groß sieht.

1976 ändert die Krankheit ihr Leben

Der Weg bis nach ganz oben dauerte nicht lang, aber er hielt an, lange. 1969 beginnt sie mit Volleyball, beim SC Dynamo Berlin. „Über die dritte Mannschaft kam ich aber leistungsmäßig nicht hinaus.“ Nach der  Krankheit, die 1976 ihr Leben ändert, treibt sie aus dem Rollstuhl heraus Sport. Schon ein Jahr später bekommt der Behindertensport eine große Bedeutung, bei der Reha, als neuer Lebensmittelpunkt. 1989 fängt Buggenhagen an mit dem Leistungssport. In den Disziplinen Diskuswerfen, Kugelstoßen, Speerwerfen und Mehrkampf gewinnt die gelernte Krankenschwester eine Medaille nach der anderen. Allein bei den Paralympics sind es neun goldene, eine silberne, zwei bronzene. Insgesamt kommen 44 zusammen – bis Peking.

„Das hier in China ist der Höhepunkt, in jeder Beziehung“, sagt Buggenhagen, die in Bernau wohnt und für den SC Berlin startet. Jetzt sitzt sie schon wieder im Auto zum nächsten Fernsehtermin. „Vor so einer Kulisse, vor 60 000 Leuten – und es war ja noch früh am Morgen, ich war um neun dran.“ Und dann schwärmt sie wie alle Sportler hier von der Organisation, von den Wettkampfstätten, der Herzlichkeit und neugierigen Offenheit der Chinesen, vom Paralympischen Dorf. Hier gibt es keine Pannen wie in Athen, als der Aufzug in ihrem Haus versagte und sie über die Handläufe an den Treppen nach unten rutschen musste.

Speerwerfen am Sonntag wird letzter Wettkampf

Ob sie sich noch an die ersten Paralympics erinnere? „Natürlich, 1992, Barcelona, das war wunderschön.“ Zwei Jahre später wurde sie zur Sportlerin des Jahres in der ARD gewählt, neben Franziska von Almsick. Da stimmten die Zuschauer ab, nicht Sportjournalisten wie bei der Wahl im ZDF. Sie schreibt ein Buch über ihr Leben, Schulen in Darlingerode und Berlin-Buch werden nach ihr benannt. Einer, der sie ganz gut kennt, sagt, die Marianne sei eine, zu der könne man immer gehen, egal in welcher Lebenssituation, sie sei immer für einen da.

Jetzt haben die Veranstalter, die Besucher der Paralympics nochmal alles gegeben. Und sie selbst. Am Montag holte sie gegen 14 Konkurrentinnen Bronze beim Kugelstoßen. „Den Speerwurf jetzt am Sonntag nehme ich nochmal so mit.“ Zum Abschied wird sich die Mannschaft sicher noch etwas einfallen lassen. Was sie vor hat nach dem Sport? „Mehr Zeit mit meinem Mann verbringen, der musste so oft zurückstecken. Und mich wieder mehr um Freunde kümmern, die zuletzt leider mehr zu Bekannten geworden sind, weil ich so wenig Zeit hatte“, sagt sie. „Ich will leben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben