Sport : Marie-José Pérec: Die Nerven und die Goldchance verloren

Die einstige 400-m-Königin Marie-José Pérec hat ihren überstürzten "16 000-km-Sprint" von Sydney nach Paris mit psychischen Problemen begründet. "Die Nerven sind mit mir durchgegangen", erklärte die dreimalige Olympiasiegerin in einem viertelstündigen Telefonat mit Frankreichs Sportministerin Marie-George Buffet nach Angaben der französischen Zeitung "Le Parisien". "Es war beinahe schon ein Ruf um Hilfe", meint das Blatt. In dem Telefonat, das sie beim Zwischenstopp in Singapur führte, sei von "Einsamkeit und Verwirrung" die Rede gewesen.

Die Ministerin, die beim Abendessen von dem Anruf aus der französischen Botschaft in Singapur überrascht worden war, habe "von Frau zu Frau" mit der Topathletin gesprochen und jeden Vorwurf vermieden, hieß es aus ihrem Umfeld. Buffet habe sich entschlossen, der dreimaligen Olympiasiegerin zu helfen. Sie sei, so berichtete die Politikerin, "unter dem Druck der australischen Medien zusammengebrochen".

Bei ihrer Landung in Paris war der französische Sprintstar am Freitag hingegen nicht zu einem Statement zu bewegen. Später ließ sie über ihre Internetseite verbreiten: "Ich habe Sydney verlassen, mehr nicht. Macht Euch keine Sorgen um mich. Ihr könnt auf mich warten, ich komme sehr bald wieder." Nach Auskunft ihrer Managerin Annick Averinos erholt sich Pérec derzeit in ihrer Wohnung in Paris. "Sie ruht sich aus, da sie nach einer langen Reise müde ist. Sie wird in einigen Tagen etwas erklären."

In riesiger Aufmachung hatten australische Zeitungen über die spekulationsumwobene Abreise der großen 400-m-Rivalin von Cathy Freeman berichtet. Pérecs Flucht verdrängte selbst australische Goldmedaillen-Gewinner des Vortages auf Seite zwei. Dabei sparen die Blätter nicht mit Häme über die kneifende Titelverteidigerin.

In Frankreich war die Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen. Den Vogel schoss die Zeitung "France Soir" ab, dessen Karikaturist den "Verfolgungswahn" des Superstars aufs Korn nimmt. Ein ratloser Starter mit Starterpistole ruft dabei der in die falsche Richtung laufenden Pérec nach: "Aber ich bedrohe Sie doch gar nicht, ich bin der Starter". Pérec hatte erklärt, sie sei in ihrem Hotelzimmer in Sydney von einem Unbekannten angegriffen worden.

Nach dem tagelangen Versteckspiel in Sydney und dem Rätselraten um das wahre Leistungsvermögen der "schwarzen Gazelle" hatte Top-Favoritin Freeman erst zwei Tage vor dem Eklat einen Wunsch an die einheimischen Medien gerichtet: "Ich hoffe ihr behandelt sie nett." Ein Appell, der offenbar verpuffte.

Nach ihren Triumphen in Atlanta über 200 und 400 m war Pérec 1997 verletzt und dann an einem Virus erkrankt. 1999 brach sie die Saison ab. Unter ihrem neuen Rostocker Coach Wolfgang Meier hatte sie sich im Olympia-Jahr wieder zurückgemeldet, war bei den einzigen Auftritten in Lausanne (200 m in 22,71) und Nizza (400 m in 50,32) Cathy Freeman aber aus dem Weg gegangen.

Sprintstar Maurice Greene (USA) interessierte die Affäre um den französischen Leichtathletik-Star nicht. Der 100-m-Favorit, dessen Finale heute auf dem Programm steht, gehört zur Trainingsgruppe von John Smith. Zu diesem Team gehörte auch Marie-José Pérec noch bis zum letzten Jahr. "Ich bin traurig. Aber das beschäftigt mich nicht, ich habe hier einen Job zu erledigen", meinte der US-Amerikaner nach seinem 100-m-Vorlauf.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wollte sich am Freitag nicht zu dem Fall Pérec äußern. "Dem IOC liegt keine offizielle Mitteilung des französischen NOK zu der Angelegenheit vor. Deshalb werde ich keine Erklärung zu dem Fall abgeben", meinte IOC-Generaldirektor Francois Carrard in Sydney. Dagegen erklärte der Präsident des Französischen Leichtathletik-Verbandes, Philippe Lamblin: "Es ist eine einzige Katastrophe. Mit ihr ist alles schwer und kompliziert." Die Französin gilt als eigenwillig und reagierte in den vergangenen Jahren mehrfach anders als es ihr Verband erwartet hatte. Dennoch ist sie in Frankreich das Leichtathletik-Idol der Nation.

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