Mario Gomez : Der mit den Flügeln schlägt

Der Stuttgarter Stürmer jubelt wie in der Reklame. Doch der DFB kann die Schleichwerbung von Mario Gomez kaum verbieten.

Frank Bachner,Hüseyin Ince
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Umstrittener Jubel. Macht Gomez Schleichwerbung oder grüßt er Freunde? Foto: ddp

Wenn ein Logo rund ist oder eine Ausbuchtung hat, dann wird’s ganz spannend. Dann beginnt die Feinarbeit. Ein oder zwei Quadratzentimeter mehr als erlaubt, darüber kann man reden. Aber ansonsten sind die Regeln klar. Auf 200 Quadratzentimeter darf der Hauptsponsor auf den Trikots eines Fußball-Bundesligisten werben, mehr gibt’s nicht. Bei der Ausrüstung ist alles reglementiert. Religiöse oder politische Botschaften auf dem Unterhemd – verboten. Ein Logo auf der Hose? Keine Chance.

Aber wenn einer wie Mario Gomez wie ein Vogel flattert und eine imaginäre Dose aufreißt, dann wird’s auch wieder spannend. Der Torjäger des VfB Stuttgart imitierte nach seinem Tor gegen Dortmund den Slogan des Getränke-Produzenten „Red Bull“, eine Schleichwerbung, die jeder als solche erkannte, nur Gomez selber nicht. Er habe nur seine Freunde grüßen wollen, sagte Gomez. Offenbar macht er das mit Flügelschlagen.

Verbieten kann man’s ihm nicht, so einfach ist das. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat sich mit dem flügelschlagenden Profi befasst, aber dann entschieden: keine Unsportlichkeit. „Das eventuelle Nachspielen einer Werbemaßnahme im Rahmen einer Jubelszene allein durch Gestik erfüllt nicht die Voraussetzung der Unsportlichkeit.“ So steht es in der Begründung der DFB-Ermittler.

Unsportlichkeit, das ist das Schlüsselwort. Alles dreht sich um die Frage: Was ist unsportlich, welche Geste, welche Mimik? Ein Stinkefinger, klar. Aber sonst? „Schwierig zu sagen“, sagt Klaus Koltzenburg vom DFB. „So etwas ist ja nicht schriftlich niedergelegt.“ Letztlich liege es im Ermessen des Schiedsrichters, auf Gesten, welcher Art auch immer, zu reagieren.

Aber auf imitierte Werbebotschaften allein werde ein Unparteiischer bestimmt nicht reagieren, sagt der langjährige Fifa-Schiedsrichter Hellmut Krug. „Da müsste ich ja als Unparteiischer alle Werbesprüche kennen.“ Für einen Schiedsrichter ist Unsportlichkeit klar definiert: Wer einen Torerfolg übertrieben zelebriert, erhält eine Gelbe Karte. Wer zum Beispiel am Zaun bei den Fans hängt. Oder wenn ein Spieler glaubt, er müsse mit einen halben Marathonlauf seinen Treffer feiern. „Wer so das Spiel verzögert, handelt unsportlich“, sagt Krug. Aber wer innerhalb einer vernünftigen Zeitspanne jubelt, darf das. Ob er dabei mit den Händen flattert oder wie Gomez eine imaginäre Dose aufreißt – egal. Krug persönlich „wäre das auch völlig gleichgültig“. Nur das Trikot über den Kopf ziehen, das verbietet die Regel.

Den PR-Experten von Red Bull war Gomez’ Auftritt sicher nicht gleichgültig. Ihr Name ist nun in den Medien im Gespräch. „Es ist sicher eine Einmalaktion, da die Berichterstattung aufgrund der öffentlichen Fragestellung der Schleichwerbung nicht ausschließlich positiv stattgefunden hat“, sagt Raphael Brinkert, Geschäftsführer der Werbeagentur „Scholz & Friends NRW“ in Düsseldorf. „Unabhängig davon verbindet jeder, der sich für Fußball interessiert, seit dem letzten Wochenende Mario Gomez mit Red Bull.“ Der DFB habe allerdings absolut richtig reagiert, den Fall nicht weiter in der Öffentlichkeit auszutragen.

Offiziell hat Gomez gar keinen Vertrag mit dem Getränke-Hersteller. „Er ist ein Freund des Hauses“, sagt Kirsten Veil-Schmidt von Red Bull Deutschland. Was das nun genau bedeutet, verrät sie nicht. Auf der Homepage wird ein Interview mit Mario Gomez veröffentlicht, in dem er eine Büchse in der Hand hält und lobt.

Jochen Sauer, der Justiziar von Hertha BSC, steht auch etwas verständnislos vor dem Fall Gomez. Wo Schleichwerbung beginnt, das weiß er auch nicht. Nur dass es keine Grenze der Fantasie gibt, das ahnt er. Hertha hat die Deutsche Bahn als Hauptsponsor. Und wenn die Hertha-Spieler nach einem Tor wie kleine Kinder auf allen vieren hintereinander über den Rasen wackeln, sieht das nicht aus wie ein Eisenbahnzug? Wäre das nicht versteckte Werbung für die Bahn? „Bei so einem absurden Vorwurf“, sagt Sauer gelassen, „fielen mir einige Gegenargumente ein.“

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