Sport : Marion Jones ist auf dem besten Wege zum Superstar

Jörg Wenig

So richtig war nicht zu erkennen, worüber sich Marion Jones nun mehr freute: über ihren eigenen Sieg im 100-m-Finale in der Jahresweltbestzeit von 10,70 Sekunden oder über den Coup ihres Ehemannes Cottrell J. Hunter, der am Abend zuvor mit seinem letzten Versuch Oliver-Sven Buder die Goldmedaille im Kugelstoßen weggeschnappt hatte. "Das war eine sehr emotionale Situation für mich. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie groß meine Freude über seinen Sieg war. Dass C. J. Gold gewann, war für uns natürlich ein toller Start in diese Woche. Ich denke, er bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient", sagte Marion Jones. Allerdings hatte Hunter auch am Sonntagabend während der 100-m-Startvorbereitungen noch einmal sämtliche Aufmerksamkeit für sich: Als es im Stadion abgesehen von einigen aufgeregt Spanisch sprechenden Fernseh-Kommentatoren ganz ruhig wurde, da gab es plötzlich einen Brüller von der Pressetribüne in Richtung Marion Jones. Die gewaltige Stimme gehörte dem 135-Kilo-Koloss C. J. Hunter, dessen T-Shirt angesichts seiner Größe wahrscheinlich eine Einzelproduktion seines Sportsponsors sein dürfte.

Die letzte Anfeuerung hatte Erfolg, war aber unnötig. Denn eindrucksvoll bestätigte Marion Jones mit jenen 10,70 Sekunden, der fünftbesten Zeit aller Zeiten, ihre Souveränität. Mehr und mehr dringt die 23-jährige US-Amerikanerin in jene Zeitbereiche ein, die noch 1997 ausschließlich der verstorbenen Weltrekordlerin Florence Griffith-Joyner (USA/10,49) vorbehalten waren. Die besten drei Zeiten gehören noch der Weltrekordlerin. Doch unter den Top Ten findet sich nun schon sechs Mal der Name Marion Jones, die im vergangenen Jahr mit 10,65 Sekunden in der allerdings leistungsfördernden Höhenluft von Johannesburg ihre Bestzeit aufgestellt hatte. "Ich war nicht ganz so locker, wie ich das hätte sein sollen, aber trotz der leichten Spannung bin ich ja noch 10,70 Sekunden gelaufen", sagte Marion Jones, die irgendwann in ihrer noch für acht bis neun Jahre geplanten Karriere den Weltrekord brechen möchte. "Das wird eher unerwartet passieren, für einen Rekord braucht man neben einer Topform auch perfekte Bedingungen", sagte Marion Jones, die bereits als 16-Jährige 11,14 Sekunden erreichte und daraufhin für die olympische Sprintstaffel nominiert wurde. Sie verzichtete jedoch 1992 auf einen Start in Barcelona, weil sie sich noch nicht reif genug fühlte.

Nach einer erfolgreichen Basketballkarriere, bei der sie als Schülerin zu Kaliforniens Spielerin des Jahres gewählt wurde und später mit ihrem Universitätsteam aus North Carolina US-Meisterin wurde, kam Marion Jones 1997 zur Leichtathletik zurück. Auf Anhieb wurde sie in Athen Weltmeisterin über 100 m und mit der Sprintstaffel. Doch die "Goldene Ära" der Marion Jones soll erst jetzt in Sevilla so richtig beginnen. Vier Titel sind das Ziel: Den 100 Metern folgte gestern der Weitsprung, der erst nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe begann. Am Freitag ist Marion Jones die große Favoritin über 200 m, und dann wird sie noch in der 4x100- oder 4x400-m-Staffel am Sonntag laufen. "Nach den Individualwettbewerben wird mir mein Coach Trevor Graham in die Augen schauen und entscheiden, ob ich noch 400 Meter laufen kann. Ich würde gerne diese Strecke rennen, denn das wäre eine tolle Erfahrung für Sydney."

Bei den Olympischen Spielen will sie mit fünf Goldmedaillen Sportgeschichte schreiben. Marion Jones könnte auf dem Weg sein zur erfolgreichsten Athletin aller Zeiten. Nicht umsonst ballten sich nach ihrem 100-Meter-Triumph die Funktionäre um den US-Star: Die Siegerehrung nahmen IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch und der IAAF-Präsident Primo Nebiolo gemeinsam vor.

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