Sport : "Mark the shark" - Cassius Clay und Omar Sharif des Wassers

JUPP SUTTNER

Vor 25 Jahren gewann Mark Spitz siebenmal Olympisches Gold / Erinnerungen an die Spiele von München 1972 (erste Folge)VON JUPP SUTTNER MÜNCHEN.Die einen nannten ihn den "Cassius Clay des Wassers".Weil er Sprüche klopfte und ein Selbstbewußtsein demonstrierte, wie nur amerikanische Sportler es zuwege bringen.Die anderen nannten ihn den "Omar Sharif des Wassers".Weil er in seiner Schönheit durchaus an den orientalischen Film-Star ("Dr.Schiwago") erinnerte.Und für die dritten schließlich war er "Mark the shark".Weil er wie ein Hai alle Konkurrenten fraß, die gegen ihn zu siegen gedachten. Und so war Mark Spitz der Größte, Schönste - und auch der Beste der Olympischen Spiele von München 1972: Sieben Starts, sieben Goldmedaillen, sieben Weltrekorde - 100 und 200 m Kraul, 100 und 200 m Schmetterling, dazu alle drei Staffeln.Anschließend wurde er zum ersten Sportler des Sommer-Metiers, der dank Olympia zum mehrfachen Millionär aufstieg.Vor ihm war bereits einem olympischem Winter-Helden die Verwandlung von ehrenhaftem Gold in pures Geld gelungen: Jean-Claude Killy, dem französischen Dreifach-Ski-Olympiasieger von 1968. Sowohl Killy als auch Spitz hatten sofort nach dem letzten Olympia-Rennen ihre Athleten-Karriere beendet und sich der Finanz-Karriere zugewandt.Mark dabei im sportlich zarten Alter von erst 22 Jahren."Das war ein völlig richtiger Schritt, auf dem Höhepunkt die Badehose an den Nagel zu hängen - denn ich habe dadurch in kürzester Zeit mehr als drei Millionen Dollar gemacht!".Mit Werbung für Rasierklingen, After Shave und anderen Männer-Produkten.Später wurde er Finanzmakler, stellte in Beverly Hills Villen hin im Wert von bis zu sieben Millionen Dollar - "und die gingen reissend weg".Ende der achtziger Jahre war Mark Spitz nicht mehr reich, sondern schwerreich. Trotzdem schien dem besten jüdischen Sportler aller Zeiten, den das anti-israelische Olympia-Attentat von München schwer erschütterte, etwas zu fehlen.Vielleicht die Wettkampf-Zeit nach dem 22.Lebensjahr.Denn er begann plötzlich wieder zu trainieren - und versuchte, sich als 42jähriger für das US-Team der Olympischen Barcelona-Spiele 1992 zu qualifizieren."Die Zeiten in meiner besten Disziplin, der 100-m-Schmetterling-Strecke", so Spitz später zum SZ-Magazin, "hatten sich nicht so explosionsartig verbessert wie in anderen Distanzen und Stil-Arten.Deshalb sah ich da eine reelle Chance, den Sprung zu schaffen".Und er hätte ihn in zahllosen anderen Ländern auch tatsächlich geschafft, "denn ich erreichte 20 Jahre später immerhin 94 Prozent meines Leistungsvermögens von München!" Doch gegenüber den jungen US-Burschen blieb er absolut chancenlos.Zu seinen München-Medaillen, die er im Bank-Safe lagert, kamen keine weiteren hinzu. "Die sieben Goldmedaillen habe ich alle für mich alleine errungen!", betonte er stets.Man konnte nicht sagen, daß der passionierte Einzelgänger beliebt war in seinen sportlichen Kreisen.Ein fast schon kultischer Egoismus, brennender Überehrgeiz und seine oftmals die Grenze zur Beleidigung streifende Arroganz verhinderten, daß die Team-Kollegen ihn wirklich gern mochten.Doch die restliche Welt - inklusive seiner Frau Suzie, kaum weniger schön als er selbst und Tochter eines schwerreichen Immobilien-Königs aus Los Angeles - lag ihm zu Füßen.Und das zählte weitaus mehr. Nur mit der geplanten Filmkarriere klappte es nicht."Ich wollte das eigentlich auch gar nicht - es war mehr der Wunsch der Werbe-Manager, die haben mich in dieser Hinsicht ausgenutzt".Es war das letzte Mal, daß Mark Spitz ausgenutzt wurde."Wissen Sie, ich bin keiner, der am Morgen aufwacht und den Sonnenaufgang im Westen sucht.Was ich anpacke, hat Hand und Fuß." Inzwischen ist er selbst in die Werbung eingestiegen, produziert 30-Minuten-Filme über einzelne Produkte, die via Tele-Shopping verkauft werden. Insgesamt 26 Einzel- und sieben Staffel-Weltrekorde hat der Kalifornier zwischen 1967 und 1972 aufgestellt."Wenn ich einen Weltrekord verloren habe, läßt mir diese Tatsache keine Ruhe", bekannte er damals, "und ich muß sofort im nächsten Rennen gegen den Typen antreten, der mir den Rekord abgeknöpft hat, und ihn mir wieder zurückholen." Heute schwimmt Mark Spitz "nur noch aus Fitness-Gründen", wie er lächelnd behauptet."Täglich eine Stunde".Aber wer ihn kennt weiß, daß Mark the shark auf die Fitness pfeift.Sondern jeden Tag noch ein Rennen hinlegt.Eine Stunde lang - gegen die Uhr.Gegen die erzielte Zeit von gestern Vormittag.Oder gegen irgendwelche imaginären Rivalen, die unsichtbar neben ihm kraulen.Um sie niederzumachen.Zu besiegen.Aufzufressen. Denn einer wie er kann nicht anders - als weiterhin der Größte, Schönste und Beste zu sein.Das ganze Leben lang.

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