Marko Pantelic : Der letzte Wink des Verführers

Heute wird sich Herthas Torjäger Marko Pantelic nach vier Jahren von den Fans im Olympiastadion verabschieden – vielleicht mit Toren, vielleicht mit Tränen. Wer weiß schon, wie er sich nach dem Spiel verhalten wird? Emotional wird es aber auf jeden Fall. Und der Chor der Tausenden im Stadion wird noch einmal zum Sprechgesang anstimmen: „Marko Pantelic – oho“.

Michael Rosentritt
276504_0_dd661c2b.jpg
Posen fürs Publikum.

BerlinHeute Nachmittag muss Marko Pantelic stark sein. Noch ein Mal wird er im Olympiastadion für Hertha auflaufen. Noch einmal wird er auf Torejagd gehen, damit das Wunder eine Woche länger leben kann. Vielleicht wird Pantelic dem Ball noch einmal mit seinem Außenrist diesen sagenhaften Spinn verleihen, der so manchen Torwart narrte. Und vielleicht wird Pantelic in Theatralik verfallen, wenn ihn der Gegenspieler am Trikot zupft oder er sich sonst wie ungerecht behandelt fühlt. Ganz sicher aber wird der Chor der Tausende im Stadion noch einmal zum Sprechgesang anstimmen: „Marko Pantelic – oho“.

Wie Pantelic sich nach dem Spiel verhalten wird – wer weiß es schon? Vielleicht werden ihm Tränen kommen, vielleicht wird er wieder etwas Pathetisches ins Stadionmikrofon sagen wie neulich: „Ob ich jetzt gehe oder in fünf Jahren: Ich werde immer in den Herzen der Hertha-Fans bleiben.“ In einer Woche, beim Saisonabschluss in Karlsruhe, wird Pantelic noch einmal das Hertha-Trikot tragen. Anschließend wird er es ausziehen und den Verein verlassen. Der Verein, insbesondere Trainer Lucien Favre, will es so. Für Pantelic werden nach gut einhundert Bundesligaeinsätzen mit mehr als 40 Toren und mehr als 20 Torvorlagen vier Berliner Jahre enden.

Es waren für beide Seiten vier bewegte Jahre. Auch Jahre, in denen Hertha um den Verbleib in der Liga rang. Es gibt nicht wenige, die behaupten, dass es am Ende immer die Tore des mittlerweile 30 Jahre alten Serben waren, die Hertha oben hielten. Es waren Tore, die nicht einem ausgeklügelten taktischen System wie in dieser Spielzeit folgten, sondern Tore, die der individuellen Klasse Pantelics entsprangen. Das haben die Zuschauer damals gesehen und sie haben es bis heute nicht vergessen. Vor allem deshalb ist Marko Pantelic ihr Held geblieben.

Es ließen sich einige Geschichten über Marko Pantelic erzählen. Es sind Geschichten, die Hertha bereichert haben. Er war in tristen Tagen der Farbtupfer, der über die Grenzen Berlins strahlte. Nicht wenige sind seinetwegen ins Stadion gegangen. Dort inszenierte er sich mit Verve, was allerdings bei Lucien Favre nicht gut ankam. Doch der Schweizer brauchte die Tore des Serben. Manager Dieter Hoeneß, der Pantelic einst auf Leihbasis nach Berlin geholt hatte, sah lange Zeit über die Divenhaftigkeit großzügig hinweg. Hoeneß hatte erkannt, dass Pantelic mehr zu bieten hatte als seine Tore. Noch heute ist Pantelic einer der wenigen Profis der Berliner, die ein Charisma aus sich heraus vorleben; ein Charisma, das nicht nur dem momentanen Erfolg geschuldet ist. Nur so war Pantelic in der Lage, mit dem Publikum im Stile eines Verführers spielen zu können.

Offenbar aber hat Pantelic Favre unterschätzt. In der Annahme der eigenen Großartig- und Unersetzbarkeit forderte der Stürmer ein neuen Vertrag. Er forderte Konditionen, die der Markt für Spieler seiner Qualität durchaus bereithält. Nur nicht im klammen Berlin. Andere bei Hertha sind seit Jahren mit Verträgen eingedeckt, wie Pantelic sie für sich forderte. Beispielsweise Arne Friedrich und Josip Simunic, die erst in dieser Saison ihren Wert zeigen. In Pantelics Fall hat der Verein die Forderungen als maßlos zurückgewiesen, auch weil Favre grundsätzliche Bedenken hatte und manche Disziplinlosigkeit nicht einfach vergessen mochte. Favre hat sich durchgesetzt.

Pantelic hat oft gesagt, wie gern er in Berlin bleiben will. Bis heute tut er das. Denn bis heute haben weder Favre noch Hoeneß den Mut aufgebracht, es ihm zu sagen. Vielleicht ahnten beide, dass Pantelic noch einmal wichtig werden würde. Vielleicht kannten beide Pantelic zu wenig. Pantelic hat sich nicht hängen lassen, obwohl auch er spürte, dass er eigentlich keine Chance mehr hat. Favre sortierte ihn aus und mochte nicht mal mehr über ihn reden. Es gab Tage, da nahm der Trainer nicht mal mehr seinen Namen in den Mund. Das kränkte den stolzen Serben, der jahrelang Herthas größtes Versprechen auf Tore war. Nun aber schoss sie ein anderer, Andrej Woronin. Der Ukrainer war vom Mitläufer der Hinrunde zum Torjäger geworden. Allerdings nur ein halbes Frühjahr lang.

Als Andrej Woronin sich nach einem üblen wie unnötigen Platzverweis selbst aus dem Spiel nahm, setzte Favre wieder auf Marko Pantelic. Widerwillig, wie ihm anzuhören und -zusehen war. Wer insbesondere bei den vergangenen zwei, drei Heimspielen auch noch ein Auge für Favre hatte, der sah, wie der Trainer bei Ballverlusten von Pantelic an der Seitenlinie seine sonstige Fassung verlor. Lief sich Pantelic in der gegnerischen Abwehr fest oder landete ein Abspiel nicht beim eigenen Mann, drehte Favre sich demonstrativ und wild gestikulierend mit Abscheu vom Spielfeld ab. Vielleicht hat Favre auch nur nicht die Sprechchöre auf Pantelic verknusen können. Das Publikum müsse doch sehen, was Pantelic falsch macht.

Natürlich hat auch Marko Pantelic in den vier Jahren nicht alles richtig gemacht. Vielleicht hat er sich zu lange zu selbstverliebt inszeniert. Und bestimmt hat er das Training nicht ernst genug genommen. Anstatt zu üben, ließ er sich behandeln, was gar nicht gut ankam bei Mitspielern und dem Trainer. Und wenn er sich kurz vor den Spielen wieder fit meldete und auf dem Trainingsplatz erschien, legte er oft nicht den Eifer anderer an den Tag. Gern ließ er dabei seine Fußballschuhe offen, was Favre innerlich zur Weißglut brachte. Josip Simunic sollte Pantelic mal ins Gewissen reden, blieb aber erfolglos. Pantelic soll geantwortet haben: Im Spiel habe ich die Schuhe zugebunden. Ja, so lange Pantelic am Wochenende die Tore machte, wurde sein exaltiertes Gehabe irgendwie ertragen. Gegen den Fußballer in ihm ließen sich schwerlich Argumente finden. Er ist dribbel- und kopfballstark, besitzt Instinkt und Durchsetzungsvermögen und hat ein Auge für den Nebenmann.

Hertha BSC wird heute Christian Fiedler offiziell verabschieden, der im Sommer als Torwarttrainer wieder anfängt. Marko Pantelic wird nicht verabschiedet werden. Warum eigentlich nicht? Manager Dieter Hoeneß sagt, es sei nicht der richtige Zeitpunkt. Wann aber ist der? Gibt es ihn überhaupt?

Hertha und Hoeneß und Favre werden Geschick und Glück brauchen bei den Transfers des kommenden Sommers. Vielleicht ist dann einer dabei, der Pantelic vergessen macht. Andernfalls werden sie sich zu erklären haben bei den Hertha-Fans. Und Marko Pantelic wird noch ein Stückchen größer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar