Sport : Markt ohne Gesetz

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Stefan Hermanns über die unerschütterliche Lust am Fußball

Wenn Kulturpessimisten, Traditionalisten und sonstige Schwarzseher von Schwermut befallen werden, philosophieren sie gerne über die gute alte Zeit: als Fußbälle noch aus Leder hergestellt wurden, das Spiel noch Spiel war – und kein Produkt. Der professionelle Fußball, so heißt es, sei längst eine Ware, bei der nicht Tore, Punkte und Titel zählen, sondern allein die Rendite von Belang ist. Wenn das stimmte, müssten sich die marktwirtschaftlichen Mechanismen irgendwann bemerkbar machen, müsste sich eine gute Ware also gut verkaufen und eine schlechte entsprechend wenige Käufer finden. Die FußballBundesliga wäre nach der vorigen Saison demnach so gefragt wie im Moment Heizstrahler und Wärmedecken.

Langeweile im Titelkampf, ein mäßiges sportliches Niveau, keine neuen Stars – marketingtechnisch gesehen war die Ware Bundesliga zuletzt eine einzige Katastrophe. Den Konsumenten aber scheint das vollkommen egal zu sein. Die wirtschaftlich schlechten Basisdaten interessieren den Fan als solchen nicht im Geringsten. Sein Verhältnis zum Fußball im Allgemeinen und zu seinem Verein im Besonderen ist immer noch von einer romantischen Anhänglichkeit geprägt, die alle marktwirtschaftlichen Gesetze einfach ignoriert. 332 650 Dauerkarten haben die 18 Bundesligisten für die neue Saison verkauft – so viele wie nie zuvor. Bevor auch nur ein einziger Ball bewegt wurde, ist der Besuch mit 5,65 Millionen garantierten Zuschauern in der neuen Saison schon jetzt höher als 1971/72, 1972/73, 1985/86 und 1988/89.

Elf Klubs melden eine Steigerung der Verkaufszahlen im Vergleich zum Vorjahr, acht sogar einen neuen Vereinsrekord, darunter mit Schalke und Leverkusen zwei Mannschaften, die ihre Anhänger in der vergangenen Saison nachhaltig frustriert haben. Der Fußballfan ist eben nicht nur unendlich leidensresistent, er ist auch unverbesserlich optimistisch. Nach einem schlechten Jahr kann es nur besser werden. Gut, wenn man dann eine Dauerkarte hat.

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