Markus Babbel : "Da wirst du doch wahnsinnig!"

Herthas Trainer Markus Babbel über Ohrringe, Tätowierungen, Spielerversteher und faule Profis.

Markus Babbel.
Markus Babbel.Foto: dpa

Herr Babbel, in Stuttgart haben Sie noch einen Ohrstecker getragen, jetzt nicht mehr. Hat das etwas zu bedeuten?

Meine Frau meinte, das wirkt unseriös und hat ihn für sich beschlagnahmt. Im Nachhinein glaube ich aber, dass sie einfach nur den Ohrring haben wollte. Und – wissen Sie was – sie trägt ihn wirklich!

Sie hören sich nicht glücklich an …

Nein, aber eigentlich ist mir das egal. Ich bin ja kein anderer Mensch, nur weil ich einen Ohrring trage. Leider geht es viel um Äußerlichkeiten. Das habe ich beim Trainerlehrgang im Fach Psychologie gelernt: Wenn du eine Brille trägst, giltst du gleich als intellektuell. Ohrring und Tätowierung – hm, unseriös. Aber das ist nur der erste Eindruck. Dass ich Tätowierungen habe, sagt doch nichts über mein Wesen. Was die normalen Umgangsformen angeht, da bin ich wirklich sehr konservativ.

Wie zeigt sich das?

Ich achte viel auf Disziplin, gerade bei meinen Kindern: dass sie Bitte und Danke sagen, grüß Gott und auf Wiedersehen. Man muss kein Abitur machen, aber wenn die Umgangsformen stimmen, dann kommst du im Leben schon weit. Die Anstandsregeln sind einfach wichtig.

Wollen Sie sich stärker abgrenzen von der aktuellen Spielergeneration?

Das hat sich automatisch ergeben. In Stuttgart hatte ich noch mit 95 Prozent der Spieler zusammengespielt. Mit ihnen wurde ich 2007 noch gemeinsam Meister, dann wurde ich Assistenztrainer von Armin Veh und später sein Nachfolger. Hier, bei Hertha, kann ich bei null anfangen. Ich bin nicht mehr der frühere Kollege, nicht mehr der ehemalige Kotrainer. Hier bin ich der Chef. Für mich ist es ein großer Vorteil, dass die Spieler mich siezen. Das erleichtert die Arbeit.

Inwiefern?

Es gibt klare Grenzen. Generell bin ich schon ein Trainertyp, der nicht dasteht wie ein General, an den sich keiner ran traut. Ich versuche eine gewisse Nähe zu den Spielern zu bekommen, aber es ist immer gut, wenn die Spieler wissen: bis hierher und nicht weiter. Man muss schon wissen, wer der Chef ist.

In Stuttgart galten Sie als Spielerversteher, Ihre Nähe zum Team wurde gegen Sie verwendet.

So ist es doch immer. Erst heißt es: Der ist nah an der Mannschaft dran, der hat einen super Draht zu den Spielern. Und dann wird daraus: Der kann keine klare Entscheidungen mehr treffen, weil er zu nah an der Mannschaft ist. Ich glaube, dass es bei meinem Amtsantritt in Stuttgart ein Riesenvorteil war, dass ich alle Spieler kannte und sie einschätzen konnte. Der Schlüssel zum Erfolg war, dass wir jedem die Möglichkeit gegeben haben, sich aufzudrängen. Davor waren nur 12, 13, 14 Spieler wichtig, der Rest war komplett außen vor. Wir haben es geschafft, dass alle 20 Spieler wieder an ihre Chance geglaubt haben. Dadurch war das Niveau im Training einfach wieder viel höher, jeder einzelne Spieler hat sich wieder stärker für den Verein eingesetzt, und auch der Zusammenhalt war wieder besser.

Gab es auch Nachteile?

Für mich war es unheimlich schwer, jemandem, mit dem ich noch zusammengespielt habe, mit dem ich sogar Erfolge gefeiert habe, zu sagen: „Es reicht nicht mehr.“ Der Mannschaft will ich gar nichts vorwerfen, die hat das super gemacht. Aber diese harten Entscheidungen zu treffen – das war nicht leicht. Das war ein brutaler Lernprozess. Hier ist es für mich wesentlich leichter.

Die Mischung zwischen Nähe und Distanz zu finden, ist das der Schlüssel zum Erfolg?

Ich glaube, es gibt da kein Patentrezept. Was in Stuttgart gut war, muss nicht automatisch hier gut sein. Man muss ein Gespür entwickeln, und das kommt einfach mit der Zeit. Ich sehe die Jungs jetzt schon anders als vor vier Wochen. Ich bin so, wie ich bin. Ich kann mich nicht großartig verstellen. Will ich auch nicht. Ich bin ehrlich, ich bin geradeaus, ich kann auch hart sein. Aber ich bin kein Schwein. Ich mache nichts hintenrum. Das widerstrebt mir. Das kann ich nicht. Ich habe schon zu ein paar Spielern gesagt: „Hey, ich mag dich, aber wenn ich merke, du lässt nach, dann kriegst du von mir Feuer.“ So spreche ich mit den Spielern, immer offen und ehrlich. Damit sie was zu greifen haben. Es nützt doch nichts, wenn ich einem Spieler sage: „Du bist ein Riesenkicker, aber du bleibst erst einmal draußen.“ Ich sage ihm: „Du musst dein Kopfballspiel verbessern“ oder „Du musst schneller werden“ oder was auch immer. Dann hat er was. Aber dann liegt es auch an ihm.

Beim Auftakt in Berlin mussten Sie sich gleich über schlechte Laktatwerte ärgern.

Ja, aber ich mache so etwas ja nicht, weil ich denke: Ich muss jetzt mal was unternehmen, damit ich in der Öffentlichkeit besser dastehe. Das ist nicht meine Art. Am liebsten ist es mir, wenn alles harmonisch abläuft. Aber ich habe auch gelernt: Mit zu viel Harmonie funktioniert es nicht. Komischerweise sind immer die Trainer, die dazwischenfegen, oft sehr erfolgreich. Eigentlich ist das ja Irrsinn. Wenn man es gut meint, Harmonie haben will und alles wunderbar ist, sollte man doch meinen, dass alle Spaß an der Arbeit haben. Von wegen. Da passieren einfach mehr Fehler. Deswegen muss man immer wieder dazwischengehen, sonst schleift sich so ein Schlendrian ein. Und den wieder rauszukriegen, das ist schwierig.

Ihr Ausbruch war also authentisch?

Absolut. Sie müssen auch die Ausgangslage berücksichtigen: Der Verein stellt sich hin und sagt: Wir wollen sofort wieder hoch. Damit hängen wir uns also ganz schön aus dem Fenster – aber aus Überzeugung, weil wir uns einig sind, dass wir das schaffen können. Du bist voller Elan: Geil, jetzt geht’s los, geiler Klub, da passt alles, wunderbar – und dann bekommst du die Laktatwerte und denkst: Hut ab! Respekt! Da sind offensichtlich 15 dabei, die diesen Elan nicht haben. Da wirst du doch wahnsinnig. Wir reden hier nicht von irgendwelchen Freizeitkickern. Nein, das sind Profis. Mir war es einfach wichtig, dass sie mal kapieren, was für eine Verantwortung sie haben. Deshalb sollte die Öffentlichkeit das ruhig mitbekommen.

Die Laktatwerte lassen den Schluss zu …

… dass einige nichts kapiert haben. Für mich ist das unverständlich. Ich habe ja nicht verlangt, dass sie sechs Wochen durchtrainieren. Die Spieler sollten bewusst drei Wochen Urlaub machen. Aber nach drei Wochen, so habe ich das zumindest früher erlebt, hat mein Körper nach Bewegung verlangt. Aber bei den Werten meiner Spieler konnte es nur einen Schluss geben: Die haben gar nichts gemacht. Das habe ich nicht verstanden.

Kann sich das noch mal wiederholen?

Wenn einer das noch mal wiederholt, muss er selten dämlich sein. Dann gnade ihm Gott. Aber so wie ich die Truppe jetzt kennengelernt habe, kann ich mir das nicht vorstellen. Die Spieler haben wirklich mitgezogen. Da waren viele dabei, die hatten im Training Schmerzen – zu Recht Schmerzen. Und trotzdem haben sie nicht abgebrochen. Das zeigt mir: Sie können ja, sie wollen auch. Ich habe den Spielern gesagt: „Mich wundert es nicht, dass ihr abgestiegen seid. Wenn ihr immer so eine Einstellung hattet – ja, das wird nicht belohnt. Das ist doch klar. Wenn ihr aber eine andere Mentalität an den Tag legt, werdet ihr auch belohnt.“

Mehr als die Hälfte der Spieler stammt aus dem Ausland. Sie selbst haben in England gespielt. Hilft Ihnen diese Erfahrung?

Natürlich ist das von Vorteil, ganz klar. Ich weiß, wie sich ein Spieler fühlt, der neu kommt, der die Sprache nicht spricht, sich an ein neues Umfeld gewöhnen muss, an andere Gepflogenheiten. Deswegen versuchen wir den Spielern bei vielen Dingen zu helfen, bei der Wohnungssuche, Behördengängen; aber letztlich spielen sie Fußball. Ich habe ein Problem damit, wenn es heißt, man muss dem Spieler ein Jahr Zeit zur Eingewöhnung geben. Was ist das denn für ein Blödsinn? In Brasilien wird genauso Fußball gespielt wie in China oder Deutschland. Das Wichtigste ist die Sprache. Für mich ist es ein Unding, wenn ein Spieler die Sprache nach einem Jahr immer noch nicht kann. Ich will doch wissen, was in der Kabine gesprochen wird. Ich will, dass die Spieler Deutsch lernen. Und das müssen sie jetzt endlich auch.

Sie wirken sehr energiegeladen. Müssen Sie in der Zweiten Liga noch mehr geben?

Das glaube ich nicht. Im Fußball kannst du viele Dinge nicht beeinflussen: Verletzungen, Schiedsrichterentscheidungen. Aber eins dürfen wir uns nie vorwerfen lassen: Dass wir zu faul, zu nachlässig waren und es deshalb nicht funktioniert hat.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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