Markus Merk : Der letzte Pfiff des Rekord-Schiedsrichters

Wenn erfolgreiche Sportler aufhören, dann zählt man gerne noch einmal all die Pokale und Schalen auf, die sie gewonnen haben. So gesehen ist das Leben für Schiedsrichter ein bisschen unfair: Weil sie keine Pokale und Schalen bekommen für das, was sie leisten.

Michael Neudecker
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Markus Merk. -Foto: ddp

Marko Pantelic kann einem leid tun, wie er da am Spielfeldrand steht. Der Berliner Stürmer winkt und winkt, der vierte Schiedsrichter kommt hinzu, der Linienrichter, alle winken sie, weil Pantelic nach einer kurzen Behandlungspause nun wieder aufs Spielfeld will. Doch Hauptschiedsrichter Markus Merk hat nur eines im Blick: den Ball und das Geschehen um ihn herum. Er ist hochkonzentriert.

Irgendwann und irgendwie bemerkt Merk das heftige Winken dann doch, und er lässt Pantelic wieder mitspielen, mit einer Geste, wie sie nur Markus Merk beherrscht: aufrecht stehend, die Brust rausgedrückt, und dann diese Handbewegung, nicht länger als der Bruchteil einer Sekunde, kaum zu sehen, aber doch strikt wie ein Karateschlag. Nach dem Spiel des FC Bayern gegen Hertha BSC ist Markus Merk in Rente gegangen. Das ist schade. Man darf das ruhig einmal sagen, auch bei Schiedsrichtern.

Wenn erfolgreiche Sportler aufhören, dann zählt man gerne noch einmal all die Pokale und Schalen auf, die sie gewonnen haben. So gesehen ist das Leben für Schiedsrichter ein bisschen unfair: Weil sie keine Pokale und Schalen bekommen für das, was sie leisten. Sie bekommen im besten Fall nur ein paar nett klingende Titel, Markus Merk hat immerhin vier bekommen: dreimal Weltschiedsrichter des Jahres, einmal Rekord-Bundesligaschiedsrichter wegen seiner fast 340 Einsätze. Hinzu kommt noch ein Titel außerhalb des Sports: 2005 erhält Merk das Bundesverdienstkreuz, weil er sich seit 1991 ehrenamtlich in Indien betätigt und 1999 ein eigenes Indien-Hilfsprojekt gründete. Das ist etwas, das genau so viel über ihn erzählt wie seine Gesten: Der Schiedsrichter Markus Merk mag ein strenger Mann sein, doch er hat stets weit über die Seitenlinie hinausgeblickt.

Er war mal der strengste Zahnarzt Deutschlands, aber 2005 verkauft er seine Zahnarztpraxis, seitdem gibt er Motivationsseminare. In letzter Zeit macht sich Merk auch als Reformen-Unterstützer einen Namen: Er fordert vehement die Einführung des Videobeweises, er erarbeitet sogar ein 30-seitiges Konzept, das er dem DFB überreichte. So ist Markus Merk: ein Mann vom Typus Konzepte-Erarbeiter. Es gab Zeiten, da wirkte Markus Merk wie ein Beamter, strikt, kompromisslos, unnahbar.

Als er am Sonnabend vor der Bundesligapartie des FC Bayern gegen Hertha BSC vom Ligavorstand und dem Vorstand des FC Bayern verabschiedet wird, ist aber auch zu sehen, dass er in Wahrheit vielleicht gar nicht so beamtenmäßig ist, wie er manchmal wirkt. Er umarmt nahezu jeden, der da steht. Oliver Kahn, Sepp Maier auch, und als Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld bei seiner Verabschiedung weint, da geht Merk zu ihm hinüber und umarmt auch ihn. Er lächelt zufrieden, den Zeitpunkt seiner eigenen Verabschiedung hat er selbst festgelegt. Bis zur altersbedingten Rente hätte der 46-Jährige eigentlich noch ein Jahr in der Bundesliga bleiben dürfen, doch Merk will jetzt aufhören.

Um 17.22 Uhr pfeift er das Spiel ab, es ist ein langer, kräftiger Pfiff. Ein endgültiger Pfiff. Michael Neudecker

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