Sport : Marseilles andere Vergangenheit

Der Uefa-Cup-Finalist übt sich in Bescheidenheit

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Die französische Sportzeitung L’Équipe hat in diesem Jahr gute Geschäfte mit Olympique Marseille gemacht. Jedesmal, wenn die Mannschaft im UefaCup einen neuen Erfolg gefeiert hat, ist die Auflage der Zeitung um 30 Prozent gestiegen. Und es hat viele Erfolge gegeben. Nach dem Ausscheiden aus der Champions League hat Marseille sich im Uefa-Cup gegen Dnjepropetrowsk, Liverpool, Inter Mailand und Newcastle durchgesetzt. Am Donnerstag könnte L’Équipe noch einmal ein gutes Geschäft machen: Heute Abend steht Marseille in Göteborg gegen Valencia im Finale um den Uefa-Cup (20.45 Uhr, live in der ARD).

L’OM ist nicht nur der beliebteste, sondern auch der schillerndste Fußballverein des Landes. Es gibt viele verrückte Geschichten, zum Beispiel die eines Präsidenten, der den Trainer entlassen hat und am nächsten Tag selbst in kurzen Hosen das Training leitete. Die Ära von Bernard Tapie war eine einzige verrückte Geschichte. Sie wurde mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister (1993 gegen den AC Mailand) gekrönt, endete dann aber mit dem Absturz in die Zweite Liga, weil Tapie im selben Jahr ein Spiel gegen Valenciennes hatte kaufen lassen.

Christophe Bouchet hat damals für die Nachrichtenagentur AFP über den Fall berichtet. Inzwischen ist er Präsident des Vereins, 2002 hat ihn Robert Louis-Dreyfus dazu ernannt. Der frühere Adidas-Chef und Besitzer des TV-Rechtevermarkters Infront hat als Hauptaktionär in den vergangenen zehn Jahren 170 Millionen Euro in l’OM investiert, im selben Zeitraum kamen und gingen 208 Spieler, arbeiteten 13 Trainer an der Seitenlinie. Wirtschaftlich ist der Verein inzwischen konsolidiert. Dass es auch sportlich aufwärts geht, ist das Verdienst von José Anigo, der die Mannschaft seit Januar trainiert. Der 43-Jährige ist das Symbol einer glorreichen Epoche des Vereins. Einer Epoche, die von ungewohnter Bescheidenheit geprägt war.

Anigo, Sohn spanischer Eltern, die 1936 vor der Franco-Diktatur aus ihrer Heimat geflohen sind, ist nicht nur ein echter Marseillais, er ist auch stolz auf seine Stadt. Das Publikum liebt ihn, weil er den multikulturellen Charakter der Hafenstadt am Mittelmeer geradezu verkörpert. In den Achtzigerjahren hat Anigo selbst für Marseille gespielt. Es begann 1984 – der Klub kämpfte in der Zweiten Liga gegen den Abstieg –, als die Vereinsführung sich von den teuren Stars verabschiedete und stattdessen auf den eigenen Nachwuchs setzte. „Les Minots“, die Jungs, wurden am Ende der Saison noch Siebter und stiegen ein Jahr darauf in die Erste Liga auf. Trotzdem blieb diese Phase eine Episode: Der Größenwahn kehrte schon bald nach Marseille zurück.

Anigo, der zuvor Nachwuchskoordinator des Klubs war, könnte l’OM jetzt mit seiner anderen Vergangenheit versöhnen. „Ich liebe meine Spieler wie Kinder“, sagt er. „Wenn du ihnen zehn Prozent Liebe gibst, geben sie dir 100 Prozent zurück.“ Mathieu Flamini, 20 Jahre alt, ist unter Anigo Stammspieler geworden und gehört inzwischen der französischen U-21-Nationalmannschaft an. Es ist immer noch eine der tiefsten Wunden in Marseille, dass dem Verein in Zeiten des Starkults einer der größten Fußballer aller Zeiten durch die Lappen gegangen ist. Zinedine Zidane ist in Marseille geboren, für Olympique hat er nie gespielt.

Übersetzung: Stefan Hermanns

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