Martina Hingis : Schmerzfreier Rücktritt

Hat sie oder hat sie nicht? Martina Hingis nach dem positiven Kokainbefund erst recht in Verdacht - weil sie sich nicht dagegen wehrt.

Petra Philippsen[Paris]

Am Tag danach erschien Martina Hingis erneut auf der Bildfläche: Direkt im Anschluss an die Schweizer Tagesschau, in der noch ausführlich über den positiven Kokainbefund und ihren Rücktritt berichtet wurde, präsentierte die gestürzte Tennisspielerin mit strahlendem Lächeln eine Waschmaschine der Firma „V-Zug“. Ein Versehen, wie sich später herausstellte, denn der Konzern hatte die Ausstrahlung aller Werbespots mit Hingis schon gestoppt. Vorerst, wie die Firmenleitung betonte. Man wolle sich zunächst Klarheit von der Sachlage verschaffen. Kein leichtes Vorhaben, denn die fünffache Grand-Slam-Siegerin hatte bei ihrem „Outing“, wie sie es selbst nannte, keine Fragen der Journalisten gebilligt und mit der Verlesung ihrer Erklärung vieles im Unklaren gelassen.

Hat sie oder hat sie nicht?, fragt sich nun die breite Öffentlichkeit. Die Indizien sprechen gegen Hingis und die von ihr in den Raum gestellte Verschwörungstheorie hat wenig Chancen, sich noch zu bewahrheiten. Fest steht nach ihrer negativen Haarprobe allein, dass sie nicht regelmäßig Kokain konsumiert hat. Doch warum beteuert Hingis so vehement ihre Unschuld und tritt im selben Moment zurück? Es wirkt zumindest wie ein Schuldeingeständnis. Auch die Tatsache mutet seltsam an, dass sie auch sportliche Gründe für den Rücktritt angibt („Ich bin zu alt, um noch im Spitzentennis mitzuhalten.“). Den Jahre andauernden Kampf gegen die „Dopingmaschinerie“ wolle sie nicht aufnehmen, sagte sie. Einen Kommentar dazu gab es nur von Hingis’ Manager Mario Widmer, dem Lebensgefährten ihrer Mutter Melanie Molitor: „Martina kann in der aktuellen Situation machen, was sie will, sie steht so oder so in einem schlechten Licht da. Und sie verfügt auch nicht über die Ernsthaftigkeit, diesen Kampf konsequent auszufechten. Ihr ist die Sache am Schluss nicht so wichtig.“ Und schließlich sei die 27-Jährige, laut Widmer, kein Mensch, „der mit einer Bronzestatue verewigt werden will“.

Der Manager sei sich zudem sicher, dass der Fall Hingis fallengelassen werde. Denn tatsächlich gibt es vom Welt-Tennis-Verband ITF bisher noch keine offizielle Anklage. Die Organisatoren der Frauentour WTA erfuhren seltsamerweise erst am Freitag von dem Befund. „Wir haben keine offiziellen Informationen erhalten“, erklärte WTA-Präsident Larry Scott. Es sei jedoch normal, dass die verdächtigten Spieler zunächst vor dem unabhängigen Anti-Doping-Tribunal der ITF gehört würden, bevor man die WTA informiere. Hingis wurde dort bisher noch nicht vorgeladen. Kurios ist jedoch, dass es ganze vier Monate dauerte, bis nach der Entnahme der Probe beim Turnier in Wimbledon Ende Juni die Öffentlichkeit über den positiven Befund informiert wurde. In anderen Sportarten wie dem Radsport oder der Leichtathletik sind die Sünder dagegen im Schnitt nach einer Woche überführt. Die ITF begründete die Verzögerung mit eben diesen Sportarten, die derzeit mit Priorität behandelt würden. Das Dopinglabor in Montreal sei im Sommer überlastet gewesen.

Auch über die Frage, ob Hingis das Kokain rein privat oder zur Leistungssteigerung konsumiert haben könnte, wird weiterhin spekuliert. Die Droge hat nach Meinung von Experten eine schmerzlindernde Wirkung, was für Hingis in der Phase vor Wimbledon durchaus hilfreich gewesen wäre. Sechs Wochen lang hatte sie im Vorfeld mit Rücken- und Hüftproblemen pausieren müssen und sich behandeln lassen. Erst ganz kurzfristig entschied sie sich zur Teilnahme.

Welche Erkenntnisse noch ans Licht kommen werden, das unrühmliche Karriereende des ehemaligen Tennis-Wunderkindes scheint besiegelt. Momentan halten ihre Fans und auch zwei ihrer Sponsoren noch zu Hingis, doch ihre künftige Mitarbeit als TV-Expertin und Tennis-Botschafterin wurde zunächst eingestellt. Inwieweit sie jemals wieder eine öffentliche Rolle mit Vorbildfunktion übernehmen kann, scheint ungewiss. Hingis selbst ist dem Rummel um ihre Person inzwischen entflohen. Die Schweizer Boulevardpresse vermutet sie in Spanien, denn dort lebt ihr aktueller Lebensgefährte, der ukrainische Öl- und Gas-Milliardär Alexander Onischenko.

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