Sport : Matthäus missglückt der Versuch, es Beckenbauer nachzutun

Hartmut Scherzer

Lothar Matthäus war Weltmeister und Weltfußballer. Er ist immer noch Weltrekordler und Weltstar. Weil der Franke nun auch schnell noch Weltmann werden will, ehe er die Fußballschuhe für immer auszieht, wechselt er nach New York. Und verlässt die Weltbühne des Fußballs, um im Hinterhof des Soccer abzutauchen, wie er bald merken wird. Ein Jammer, sagt Trainer Ottmar Hitzfeld, "Lothar kann im hohen Alter bei Bayern München immer noch Topleistungen bringen". Wegen New York verabschiedet sich der "ewige Lothar" heute Abend von München bei der Champions-League-Gala FC Bayern gegen Real Madrid. Aber nicht, weil er dreizehn Tage später 39 Jahre alt wird oder in den MetroStars die ultimative Herausforderung seiner 20-jährigen, ruhmreichen Profikarriere sieht. New York ist der Kitzel.

War es zumindest. "New York, New York" - verhieß nicht Frank Sinatra, "wer es hier schafft, der schafft es überall"? Was aber hat ein Fußballstar, der alles Erreichbare geschafft hat, in der Weltstadt zu beweisen? Englisch kann Lothar Matthäus im Schnellkurs auch an der Berlitz School lernen, über die Fifth Avenue, Hand in Hand mit seiner Maren, als fußballerischer Ruheständler bummeln. Dazu musste er nicht zur schlechtesten Mannschaft der Major-League-Soccer (MSL) absteigen. Premiere: am 26. März in Miami.

Der Rahmen seines letzten Pflichtauftritts in München hätte grandioser nicht sein können. Doch das Rückspiel gegen Real wurde nicht seinetwegen arrangiert. Die offizielle Abschiedsfete wird am 26. Mai in München mit der Nationalmannschaft nachgeholt. Heute ist das große Spiel der "Event", nicht der scheidende Lothar. Nach dem 4:2-Triumph vor einer Woche in Madrid ist Matthäus fast zur Nebensache geworden. Die Tournee seiner Abschieds- und Rekordspiele hatte in den letzten Wochen ohnehin etwas Inflationäres. Abschied von Hamburg, Abschied vom Pokal, Abschied von der Bundesliga mit dem 464. Spiel. Den Weltrekord an Länderspielen mit dem 144. Einsatz aufgestellt. In Madrid der 100. Einsatz im Europapokal. Nun der Einsatz in Manhattan. New York wird den Auftritten des deutschen Soccer-Helden bei den MetroStars in East Rutherford freilich so viel Aufmerksamkeit schenken wie München den Gebeten des Großmuftis von Istanbul in der Moschee in Pasing. Lothar Matthäus wird zwar im 33. Stock des Trump Tower im Herzen von "Big Apple" Tür an Tür mit anderen Berühmtheiten logieren, aber nicht im Madison Square Garden oder im Yankee Stadium auftreten, sondern drüben, auf der anderen Seite des Hudson River, in New Jersey.

New York als voraussichtlich letzte Station seiner Karriere nach Mönchengladbach, Mailand und München hat ihm wohl sein großes Lebensvorbild eingebrockt, dem Lothar Matthäus nun einmal bewundernd nacheifert. Aber Franz Beckenbauer hatte ganz andere Motive, 1977 nach New York auszuwandern. Er war erst 31 und genoss mit einer neuen Lebensgefährtin die Anonymität der pulsierenden Metropole. Pelé hatte ihn zu den New York Cosmos gerufen. Der Kaiser spielte zwar in einer Operetten-Liga, allerdings mit Pelé und Carlos Alberto und anderen Stars in einer Meistermannschaft. Er verdiente mehr, nicht weniger. Die NASL besaß Glamour und nicht das Grau der MLS. Franz Beckenbauer gab sich fünf Jahre, und kein halbes, um Kosmopolit zu werden. Lothar Matthäus redet nun trotzig wie ein Montagearbeiter über den mittlerweile missliebigen Ortswechsel: "Ich habe meinen Job in München gemacht. Jetzt mache ich meinen Job in Amerika." Ein bisschen Wehmut schwingt dann schon mit, wenn er hinzufügt: "Natürlich wäre es schön, sich vielleicht mit einem Tor, einem tollen Spiel und einem Sieg zu verabschieden."

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