Matthias Fahrig : Ein ordentlicher Hallodri

Matthias Fahrig turnt um WM-Medaillen.

Friedhard Teuffel
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Springt nicht mehr aus der Bahn. Matthias Fahrig, hier beim Japan Cup. Foto: dpaEPA

Berlin - Fabian Hambüchen ist verletzt, jetzt kommt der Anti-Hambüchen. Ein braves Bürschchen ist Hambüchen im Vergleich zu Matthias Fahrig, ein Trainingsanzugbügler, Disziplin ist neben seinem Talent ein wichtiger Grund, warum es Hambüchen bis zum Weltmeister gebracht hat. Fahrig dagegen ist schon aus der Nationalmannschaft der Turner geflogen, weil er die Anweisungen der Trainer nicht ganz so ernst genommen hatte, und er sagt von sich: „Ich mag es nicht, einen totalen Plan zu haben.“

Die Bühne gehört an diesem Wochenende jedoch allein Fahrig, denn Hambüchen sitzt mit einem gerissenen Band im Fuß bei der Weltmeisterschaft in London auf der Tribüne, und aus dem deutschen Männerteam hat sich sonst keiner für ein Gerätefinale qualifizieren können. Fahrig dafür gleich für zwei, an diesem Samstag am Boden und am Sonntag beim Sprung. Mit guten Übungen könnte er sogar eine Medaille gewinnen.

Eine Medaille wäre wie ein Abzeichen für eine bestandene Reifeprüfung. Die Karriere des Turners Matthias Fahrig drohte zwischendurch schließlich schon zu zerbrechen. Großen Auftritten beim Turnen folgten gelegentlich große Runden um die Häuser. Den Trainern wurde es irgendwann zu bunt, sie strichen Fahrig aus dem Aufgebot für die Weltmeisterschaft in Stuttgart 2007, nach Peking zu den Olympischen Spielen fuhr er auch nicht mit, dazu waren seine Fähigkeiten zu beschränkt auf wenige Geräte. Seine herausragende Begabung, seine Explosivität und Dynamik beim Sprung etwa, konnte er nicht zeigen. Fahrig schien einfach nicht hinein zu passen ins Bild der Trainer von einem guten Turner.

Inzwischen haben sie sich jedoch aufeinander zubewegt, Fahrig und die Trainer. „Du hast dich zusammengerauft, du hast gezeigt, dass du konkurrenzfähig bist“, sagt Fahrig über sich und meint damit vor allem sein Abschneiden bei der Europameisterschaft in diesem Jahr in Mailand, als er am Boden die Silbermedaille gewann und beim Sprung die Bronzemedaille. Bundestrainer Andreas Hirsch sagt in seiner freundlich umständlichen Art: „Als offene Republik muss man bewirken, alle Möglichkeiten, die der einzelne mitbringt, für ihn und uns zu nutzen.“ Manche wüssten eben schon mit 18, dass sie ihr ganzes Leben lang bei der Sparkasse arbeiten werden, Fahrig sei eher das Gegenteil davon.

Fahrigs Temperament hat die sonst sehr beschauliche Welt der Turner gelegentlich zum Wackeln gebracht. „Seine Schlenker links rechts“, nennt Trainer Hirsch die Ausreißer des 23 Jahre alten Hallensers und Sohn eines Kubaners. Aber sein Blick auf Fahrig hat sich gewandelt: „Es hat ja auch etwas für sich, er bringt spielerische Elemente rein.“

Der Erfolg hat sich auch deshalb wieder eingestellt, weil Fahrig lange Gespräche mit einer Sportpsychologin geführt hat. Es ging zum Beispiel um seine Tagesplanung, um eine bessere Organisation. Da hat er sich einiges neu angewöhnt, er muss auch mehr koordinieren, im Dezember will er seine Abschlussprüfung als Sport- und Fitnesskaufmann ablegen. Mit dem straffen Plan im Trainingslager vor den Weltmeisterschaften in Kienbaum konnte er sich dennoch nur schwer arrangieren. „Wenn ich mir jetzt schon eine Platte mache, was ich nächsten Mittwoch um 14 Uhr mache, bin ich enttäuscht, wenn es nicht klappt.“ Genau nach Plan sollen dagegen seine Übungen in den WM-Finals laufen, da will Fahrig nun auf Weltniveau zeigen, dass er auch mit einer lockeren Einstellung auf den Punkt genau turnen kann.

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