Matthias Steiner : Die Bühne seines Lebens

Gewichtheber Matthias Steiner geht wieder seinem Sport nach – erstmals wurde er Deutscher Meister.

Katrin Schulze
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Die Qualen eines Meisters. Matthias Steiner stemmte in Ladenburg insgesamt 430 Kilogramm.Foto: dpa

Berlin - Als der bullige Mann zu seiner Hantel schritt, war es in der proppevollen Lobdengauhalle plötzlich nur noch still. Allein die Fotoapparate vor der Bühne klickten wild durcheinander. „Da lag eine unheimliche Anspannung in der Luft“, sagt Thomas Roß. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Roß hat am vergangenen Wochenende die deutschen Meisterschaften im Gewichtheben organisiert und damit einen riesigen Trubel ausgelöst. Rechnen konnte er damit nicht. Vor gut zwei Jahren, als sich das nordbadische Städtchen Ladenburg um die Austragung der Veranstaltung beworben hatte, dachte einfach keiner an eine Erfolgsgeschichte wie die des Matthias Steiner.

Superschwergewichtler Steiner, der bullige Mann, absolvierte in Ladenburg seinen ersten ernstzunehmenden Wettkampf nach den Olympischen Spielen in Peking. Mit 430 (Reißen 190/Stoßen 240) Kilogramm wurde der 27 Jahre alte gebürtige Österreicher erstmals Deutscher Meister. Umringt von zig Medienvertretern beantworte der Gewichtheber nach seinem Sieg ruhig und gelassen alle Fragen zu seinem Comeback. Nach einer Leistenoperation Anfang des Jahres und einer langen Trainingspause „ist die Kraft da, aber die Spritzigkeit fehlt noch“, sagte Steiner. Und: „Bis zur WM in vier Wochen muss ich am Ball bleiben und frisch werden.“

Es ist schon eine Weile her, dass Matthias Steiner mit rein sportlichen Nachrichten im Mittelpunkt stand. In den vergangenen Monaten reduzierte sich das Interesse an dem 27-Jährigen fast ausschließlich auf sein Privatleben. Insbesondere die Liaison mit einer Fernsehmoderatorin wog – zumindest aus boulevardesker Sicht – schwerer als die Gewichte, an denen er sich im Training abrackerte.

Steiners Geschichte bringt das mit sich.

Seit er nach dem Gewinn der Goldmedaille beim olympischen Turnier von Peking öffentlich über den Unfalltod seiner Ehefrau geredet hat und in sämtlichen Fernsehformaten herumgereicht worden ist, lebt er in und mit der Öffentlichkeit. Dass ein Gewichtheber derart im Fokus steht, ist ungewöhnlich. Aber Steiner, ein höflicher, ja fast zurückhaltender Mann, begeistert mit seiner offenen Art, sein persönliches Schicksal bewegt die Massen. Auch in der Ladenburger Lobdengauhalle war das am vergangenen Wochenende so. Sein Fanklub war angereist und mit ihm zahlreiche weitere Zuschauer. Unter ihnen einige, die vor den Olympischen Spielen 2008 nicht viel mit der Randsportart Gewichtheben anfangen konnten. 

Normalerweise ziehen nationale Titelkämpfe in diesem Sport nicht mehr als 100 und 200 Insider an – nach Ladenburg kamen etwa 900 Zuschauer und unzählige Medienvertreter. „Wir haben eigens eine Videoübertragung eingerichtet und ein Pressezentrum. Es war eine logistische Herausforderung“, sagt Veranstalter Thomas Roß. Alles wegen Steiner.

Und der Star enttäuschte sein Publikum nicht. Unter dem Lärm von Trommeln und Tröten feierte es ihn nach dem Gewinn des Meistertitels – auch wenn Steiner unter seiner Bestleistung blieb. Im Reißen legte er bei 195 Kilogramm zwei Fehlversuche hin und musste sich in dieser Teildisziplin seinem stärksten Konkurrenten Almir Velagic geschlagen geben. Wenn Steiner bei den Weltmeisterschaften in Goyang im November um Gold kämpfen will, „müssen wir noch sehr hart arbeiten“, sagte Bundestrainer Frank Mantek. „Wir sind noch nicht da, wo wir vor Olympia waren.“

Die Form des bulligen Mannes mag nachgelassen haben, das Interesse an ihm aber offensichtlich nicht. Als er in Ladenburg aus der Halle trat, warteten dort massenweise Autogrammjäger. Auch dieser Aufgabe stellte sich Matthias Steiner.

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