Matthias Steiner : Zurück in seiner Welt

Gewichtheber Matthias Steiner stellt sich am Sonntag erstmals nach dem Olympiasieg 2008 der internationalen Konkurrenz. Er tritt mit neuem Antrieb bei der EM in Minsk an.

Katrin Schulze
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Kraftschrei. Matthias Steiner wurde im Oktober Deutscher Meister, jetzt peilt er in Minsk eine EM-Medaille an.Foto: dpa

Zuletzt hat ihn Frank Mantek wiederentdeckt. Den Willen in den Augen seines talentiertesten Sportlers. „Die Verbissenheit war zu sehen und ein unerhörter Grad an Konzentration“, erzählt der Trainer mit ruhiger, durchdringender Stimme. „Da habe ich erkannt, der Matthias will’s wieder wissen.“ Der Matthias ist Matthias Steiner. Erstmals nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von Peking tritt er wieder zu einem internationalen Wettkampf an und „möchte dort gerne eine Medaille holen“, wie er selbst sagt. Eine Medaille, mehr nicht. Denn die Welt des Gewichthebers hat sich 20 Monate nach dem größten Triumph seiner Karriere verändert: Matthias Steiner im Frühjahr 2010 hat nicht mehr viel zu tun mit dem Matthias Steiner des Sommers 2008. Er ist jetzt ein Star.

Wenn der 27 Jahre alte Gewichtheber am Sonntagnachmittag bei den Europameisterschaften in Minsk mit schweren Schritten und ernstem Blick zu seinen Versuchen auf die Bühne schreitet, wird die ganze Welt zusehen, ob er es noch kann. Oder ob Matthias Steiner, damals im August des Jahres 2008, einfach nur einen guten Tag erwischt hatte – einen verdammt guten Tag, genauer gesagt. „In Peking war es eine außergewöhnliche Situation“, erzählt Bundestrainer Frank Mantek. „Damals war Matthias bis in die Haarspitzen motiviert. So wurde er Olympiasieger.“ Matthias Steiner wurde allerdings nicht nur Olympiasieger, er wurde Sportler des Jahres, Fernsehstar – und er stolperte von einem roten Teppich zum nächsten. „Das vergangene Jahr war geprägt von öffentlichen Auftritten“, erzählt sein Trainer. „Ich kann ihm deswegen keinen Vorwurf machen, denn als Gewichtheber verdienst du normalerweise nicht viel.“

Frank Mantek ist für Steiner mehr als ein Trainer. Er ist sein Lehrer und irgendwie auch sein Therapeut – vielleicht ist er für ihn sogar eine Vaterfigur. Zusammen haben sie sich über den Unfalltod von Steiners damaliger Frau ausgetauscht, der er versprochen hatte, Olympiagold zu holen. Zusammen sind sie auf der größten Bühne der Welt herumgehüpft wie Flummis, nachdem Steiner in Peking tatsächlich den Sieg holte – und sich mit seiner Geschichte in die Herzen der Deutschen hob. Und zusammen haben sie in den zurückliegenden 20 Monaten darüber gesprochen, wie er sich wieder antreiben kann nach so einem Erfolg, denn „tiefer als nach einem Olympiasieg kann man nicht fallen“, sagt Mantek. „So einen Triumph musst du erst mal verarbeiten.“ Der Trainer hat in der Sauna mit seinem Schützling gesprochen, beim Essen, und manchmal kam Matthias Steiner einfach in seinem Büro vorbei. Möglich, dass Manteks Worte im Kopf des Superschwergewichtlers ankamen, seinen mächtigen Körper aber erreichten sie nicht.

Im Gewichtheben gibt es nicht viele Wettkämpfe. Meist kämpft man für sich allein. Das erfordert Disziplin und viel Ehrgeiz, beides brachte Matthias Steiner lange nicht auf. „Ihm fehlte die Akribie, die Verbissenheit, die ihn vorher ausgezeichnet hatte“, erzählt Mantek. „Das war nicht leicht.“ Statt sich in miefigen Trainingshallen zu schinden, legte Steiner seine ganze Kraft ins Privatleben und in öffentliche Auftritte. Steiner heiratete seine neue Liebe, bekam mit ihr einen Sohn und zog in eine neue Wohnung; er ließ seine Biografie schreiben und tingelte durch Talkshows. Wo sollte da noch Zeit für ein ausgewogenes Training bleiben? „Manchmal habe ich vergessen, dass ich auch Sportler bin“, hat Matthias Steiner einmal gesagt. Das ist noch gar nicht lange her.

Doch Steiner ist Sportler. Und was für einer: Er wurde offiziell zum stärksten Mann der Welt gekürt und irgendwann beschlich ihn das Gefühl, dass er dies noch einmal bestätigen müsse. Also ging er zu seinem Trainer und sagte: „So geht es nicht weiter.“ Mantek war erleichtert, dass Matthias Steiner endlich „den richtigen Schluss gezogen hatte“. Er fuhr seine Termine drastisch zurück, sperrte sich in die Hallen ein und trainierte wieder in gewohntem Rhythmus, weil er ein neues Ziel hatte: sich der internationalen Konkurrenz zu stellen. Auf dem Weg dorthin wurde der gebürtige Österreicher im Oktober vergangenen Jahres erstmals Deutschen Meister, seine Form jedoch war noch nicht die alte. Er sagte die Teilnahme an der WM in Südkorea im November ab, da er es nicht einsah, für einen fünften oder sechsten Platz dort hinzufahren.

Der Ehrgeiz aber hatte Matthias Steiner längst wieder gepackt. Und jetzt, findet er, ist der richtige Zeitpunkt, es zu zeigen. Dem Publikum, vor allem aber sich selbst. „Es wird total spannend, wie er sich präsentiert“, sagt sein Trainer Frank Mantek. Seine Stimme klingt etwas aufgeregter als zuvor. „Im Training habe ich den alten Willen in ihm erkannt. Die Frage ist nur, ob er ihn auch unter Druck im Wettkampf zeigen kann.“

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