Matthies meint : Hammerwerfen war gestern

Tagesspiegel-Kolumnist Bernd Matthies resümiert die Leistung der Deutschen.

Bernd Matthies
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Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Olympia geht dem Ende entgegen, und man wird sagen dürfen, dass sich Deutschland als solches perfekt aus der Affäre gezogen hat. Großartige Regie! Denn falls der fünfte oder sechste Platz herausspringt, zeigt das aller Welt, dass die Deutschen zwar stark dastehen, aber doch angemessenen Abstand zu den wirklich Großen zu halten wissen. Das macht uns letzten Endes mehr Freunde als das großmäulige Auftrumpfen unbesiegbarer Kampfmaschinen.

Nur die Verteilung der Medaillen zeigt eine gewisse Schlagseite. Der ideale deutsche Siegertyp wäre ein Synchronkanut, der mit der Linken sein Boot in die Höhe stemmt, während er mit rechts Schießscheiben in kleine Fetzen ballert und sich hinterher rückwärts reitend aus dem Stadion entfernt. Überhaupt liegt der Schwerpunkt der deutschen Überlegenheit bei Beschäftigungen, die irgendetwas mit Wasser zu tun haben. Das ist eine Neuerung angesichts der internationalen Übereinkunft, dass die Deutschen ihre Medaillen vor allem mit verstrammten Turnvatereien einzufahren haben, mit Hammerwerfen und anderen Übungen, die den nackten Germanen auf der Höhe seiner grimmen Kraft zeigen.

Stattdessen: Feinsinnige junge Menschen, die sich durch Vielseitigkeit auszeichnen. Man traut ihnen nicht zu, dass sie irgendetwas Spezielles wirklich supertoll können, dafür brillieren sie im generalistischen Mehrkampf. Gleichzeitig telefonieren, Kaugummi kauen und Hartz-IV-Bedarfssätze ausrechnen – das wäre der Arbeitsagentur-Triathlon, der vorerst aber keine Chance auf olympische Ehren hat, weil die drückende Überlegenheit der Deutschen dabei zu drückend wäre.

Die Lage ist allerdings die, dass Klaus Wowereit in Peking bereits grundsätzliches Interesse daran angemeldet hat, die Spiele in Berlin auszurichten, wann immer es den anderen grad passt. Und da das austragende Land viel siegen sollte, müssen wir uns allmählich Gedanken über geeignete neue Disziplinen machen. Weltkatastrophenheraufbeschwören? Die deutschen Klimaforscher schleudern ihre Prognosen allemal mit Rekordanspruch in die Atmosphäre.

Russlandgutfinden? Da wäre der mehrfache deutsche Weltmeister Gerhard Schröder praktisch unschlagbar. Langstreckenjammern, Bierseidelweitwurf, Döneressen? Hätten wir auf jeden Fall die passenden Athleten im Angebot. Und beim Synchrondampfplaudern sind Dellingnetzerwaldi sichere Medaillenkandidaten. Doch was können wir den anderen Ländern zum Gewinnen überlassen? Am besten: irgendwas mit Leistungssport.

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