Sport : Mauern ist noch keine Hexerei

Mit uralter Taktik bringt Litauen die deutsche Mannschaft beim 1:1 in Verlegenheit

Daniel Pontzen,Michael Rosentritt

Von Daniel Pontzen

und Michael Rosentritt

Nürnberg. Rudi Völler hielt nichts mehr auf seinem Sitz. Dabei war das Spiel seiner Mannschaft noch gar nicht vorbei. Solche Bilder sah man zuletzt oft aus Leverkusen, wo die Bayer-Elf in der Bundesliga dem Tabellenende entgegentaumelt. Während der dortige Teampatron Reiner Calmund in solchen Momenten von seinem Tribünensitz aus unters Dach der Bayarena flüchtet und dort in den verbleibenden Spielminuten Schutz in einer Traube wildfremder Menschen sucht, tippelte Teamchef Völler unruhig auf der Laufbahn des Nürnberger Frankenstadions umher. Mal verschränkte er seine Arme hinter dem Rücken, mal vor der Brust. Hektisch zog er die Hose seines Einreihers hoch, um gleich darauf seine Hände in den tiefen Hosentaschen verschwinden zu lassen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war drauf und dran, ihr EM-Qualifikationsspiel vor heimischen Publikum gegen die Auswahl Litauens zu verlieren. Völler kann in solchen Momenten seinen Spielern ebenso wenig helfen wie Calmund bei Bayer.

Auch wenn es mit der Nationalelf noch nicht so weit gekommen ist wie mit Bayer Leverkusen, so lassen sich Parallelen finden. In gewisser Weise hat die Formkurve der Nationalmannschaft bayerdeske Züge angenommen. Vor knapp einem Jahr begeisterte der Dreifach-Vize aus Leverkusen die Menschen auf spielerische Weise. Wenige Wochen später erreichte die Euphorie um die Nationalelf ihren Höhepunkt. Bald darauf wurden beide Mannschaften von der Tagesrealität eingeholt. Von den sieben Länderspielen seit dem WM-Finale hat die Nationalelf zwei gewonnen, drei unentschieden gespielt und zwei verloren. Mittlerweile ist nicht mehr nur der Schwung des Sommers 2002 verloren, die Nationalmannschaft scheint außer Tritt geraten zu sein.

Eine Viertelstunde vor dem Abpfiff in Nürnberg hatte die Mannschaft das Kunststück fertig gebracht, sich ein Tor einzufangen von der aktuellen Nummer 104 der Fifa-Weltrangliste. Es war der Treffer, der die frühe Führung des Vizeweltmeisters durch Carsten Ramelow egalisierte. Was sich in der restlichen Spielzeit abspielte, hatte bei den 40 000 Stadionbesuchern nicht annähernd die Emotionen ausgelöst wie der Abgang von Bundesinnenminister Otto Schily, der sich Autogramm schreibend den Weg zu seiner dunklen Limousine bahnte. „Wir haben ganz gut begonnen“, sagte am Ende Kapitän Oliver Kahn, „aber wir hätten einiges mehr in die Waagschale werfen müssen, um hier zu gewinnen. Das hab ich aber schon nach dem Spanien-Spiel angemerkt.“

Völler sah es so: „Wir haben heute zwei Punkte verloren.“ Seine Mannschaft habe die Sache „aus für mich unerklärlichen Gründen schleifen lassen“, sagte der Teamchef. „Es war von der Aggressivität und Laufbereitschaft, die uns eigentlich stark machen, nicht mehr viel zu sehen.“ Es sprach für den Teamchef, dass wenigstens auch er die Mängel nicht leugnete. Das taten nicht alle. Was wiederum an Bayer Leverkusen und deren Ausreden erinnert. Miroslav Klose etwa fand den Rasen „sehr glitschig“, und Carsten Ramelow musste eingestehen, dass man auf die Taktik des Gegners hereingefallen sei.

Dabei war die Taktik der Litauer kein Hexenwerk, sondern bestand darin, kompakt in der Defensive zu stehen und auf Konter zu lauern. Eine Taktik, der sich fußballerisch schwächere Mannschaften bedienen. Während in Leverkusen eine Niederlage „kein Beinbruch“ (Trainer Hörster) mehr ist, erklärte Dietmar Hamann unter der Woche: „Gegen Holland oder Spanien kann man verlieren.“ Nach dem Kick gegen Litauen erklärte er: „Wichtig ist, dass wir in unserer Gruppe mit sieben Punkten eine ordentliche Ausgangsposition haben. Es gibt keinen Anlass, sich zu sorgen.“

Der deutschen Mannschaft darf bestenfalls zugute gehalten werden, dass ihr ein reguläres Tor aberkannt worden war. „Was der Linienrichter macht, ist eine Sauerei“, sagte Rudi Völler. Er wollte das nicht als Jammerei verstanden wissen. Vielmehr wollte er einen unsichtbaren Gegner ausgemacht haben, der das Spiel seiner Mannschaft lähmte. „Nach der frühen Führung war ein Virus drin, der sagt, na ja, diese Litauer kannst du heute locker schlagen.“ Darüber wird noch zu reden sein, sagte Völler.

Sein Kollege Algimantas Liubinskas wurde erst vor einem Monat zum neuen Cheftrainer Litauens ausgerufen. Erst drei Tage vor dem Spiel war diese Mannschaft zusammengekommen. „Uns haben heute fünf Stammspieler gefehlt, und unsere Abwehrkette hat in dieser Formation auch das erste Mal gespielt“, erzählte Liubinskas.

Ein 1:1 gegen den Vizeweltmeister dürfte in seiner Heimat dem bisher größten Erfolg einer litauischen Mannschaft den Rang ablaufen – das war ein 1:1 aus dem Jahre 1993 gegen Dänemark. Am Mittwoch empfangen die Litauer Schottland, den Ersten der deutschen Gruppe. Der litauische Cheftrainer wollte Nürnberg aber nicht verlassen, ohne etwas Nettes zu den Gastgebern zu sagen: „Wir werden Deutschland mit einem Sieg über Schottland helfen.“

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