Sport : Mauresmo erobert Paris

Die Französin hat ihr Tennis-Trauma überwunden

Andrej Antic

Paris - Es waren schöne, seltene Bilder vom Court Central. Rund 15 000 Zuschauer klatschten und jubelten der Frau zu, die unten auf dem Platz im zitronenfarbenen Kleid zurückwinkte und lächelte. Die Frau war Amélie Mauresmo, die Nummer eins der Tenniswelt, die soeben das Achtelfinale der French Open in Paris erreicht hatte. In ihren ersten drei Matches gab sie keinen Satz ab. Heute spielt sie gegen Nicole Vaidisova aus der Tschechischen Republik.

In der Vergangenheit hatte Mauresmo ihren Landsleuten selten so viel Gründe zur Ausgelassenheit geliefert. Elfmal trat die Französin bislang in Paris an, weiter als bis ins Viertelfinale kam sie nie – im vergangenen Jahr schied sie bereits in der dritten Runde aus. Es war stets der Druck, der ihr zu schaffen machte. Sie zählt seit Jahren zu den Favoritinnen, aber vor heimischem Publikum scheiterte sie jedes Mal an ihren Nerven. „Es war fast eine Qual, auf dem Court Central zu spielen“, sagt Mauresmo. In diesem Jahr war von Qual bisher nicht viel zu sehen. Auch beim Sieg gegen die Serbin Jelena Jankovic am Freitag herrschte der Eindruck vor, alles falle ihr nun leichter. „Ich bin relaxter“, sagt die 26-Jährige. „Deshalb fühle ich mich auf dem Platz wohler und spiele besser Tennis als früher.“

Diese neue Leichtigkeit nahm ihren Ursprung vor ein paar Monaten beim Masters in Los Angeles. Dort schlug sie im Finale ihre Landsfrau Mary Pierce in einem dramatischen Match, das fast vier Stunden dauerte. Die anschließenden Bilder gingen um die Welt – wie Mauresmo zu Boden sank, die Hände vors Gesicht schlug und ihr Glück nicht fassen konnte. „Das hat sich wie ein Grand-Slam-Sieg angefühlt“, sagt Mauresmo. Der erste Erfolg bei einem richtigen Grand-Slam-Turnier folgte ein paar Wochen später bei den Australian Open. Die Leute hätten früher immer gesagt, sie würde nie etwas Großes gewinnen, sagt Mauresmo. „Wenn du so etwas immer wieder hörst, frisst es sich in deine Seele.“ Jetzt ist die Seele geheilt, der Druck ist weg. Sie muss niemandem mehr etwas beweisen. „Alles, was jetzt kommt, ist Bonus“, sagt Mauresmo.

Der schönste Bonus wäre wohl der Sieg in Roland Garros. Die Erwartungen sind auch in diesem Jahr gewaltig; Mauresmo führt die Weltrangliste mit großem Vorsprung an, alles andere als der Einzug ins Finale wäre eine Enttäuschung. Zumal die vermeintlich stärksten Rivalinnen ihr frühestens im Endspiel gegenüberstehen können.

Dass Amélie Mauresmo in diesem Jahr zum ersten Mal an Nummer eins gesetzt ist, scheint sie nicht zu hemmen, sondern eher zu beflügeln. Auch ihre Landsleute scheinen sie, die in Genf lebt, weil sie die Hektik von Paris nicht mag, inzwischen zu akzeptieren. Als Mauresmo nach dem Triumph von Melbourne beim Hallenturnier von Paris-Bercy antrat, empfing sie das Publikum mit Standing Ovations. Auch mit dem Spielen auf dem Court Central von Roland Garros hat sie endlich ihren Frieden geschlossen: „Ich beginne so langsam, es zu mögen.“

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