Sport : Maurice Greene: Planerfüllung, erster Teil

Robert Hartmann

Bald nach den Spielen von Atlanta 1996 fuhren Maurice Greene und sein Vater die langen Highways von Kansas City hinüber nach Los Angeles. Go West! Wie die ersten Siedler folgten sie einem Traum. Der Sohn war bei seinem ersten Anlauf, diesen Traum zu verwirklichen, gerade gescheitert. Bei den US-Ausscheidungen hatte er den Endlauf verpasst. Jetzt wollte er John Smith treffen, den Meistertrainer. Smith hatte den jungen Mann schon lange beobachtet und ihn für gut befunden. Aber es war nie seine Art, Talente von sich aus anzusprechen. Immerhin führte er seit den Olympischen Spielen in Seoul 1988 Steve Lewis, Quincy Watts, Kevin Young und die Französin Marie-José Pérec zu ihren persönlichen Goldadern.

Trotzdem, gerade auf Greene schien er gewartet zu haben. Wie das siegreiche Quartett war Smith in seiner aktiven Zeit Anfang der siebziger Jahre auf der Bahnrunde unterwegs gewesen. Dort fühlte er sich sicher und zu Hause. Medaillen allein reichten ihm nicht mehr, er setzte sich höhere Ziele: "Ich wollte immer den schnellsten Mann der Welt trainieren." Da traf es sich gut, als Greene auf dem Gelände der University of California vorfuhr, auf dem Smith arbeitet.

Das Datum ihrer Kontaktaufnahme haben Smith und Greene nicht vergessen, den 30. September. "Es ist in Sydney der letzte Leichtathletik-Tag", sagt Smith. Den Jahrestag wollen sie mit einer Goldmedaille feiern - der zweiten. Die erste hat Favorit Greene heute im Hundertmeterlauf eingeplant. Zweimal wurde er Weltmeister über diese Distanz, mit 9,79 Sekunden hält er den Weltrekord. Im Vorlauf gewann er in Sydney eine Wette gegen Ato Boldon (Trinidad), weil er in 10,31 die langsamste Siegerzeit zu Stande brachte, im Zwischenlauf drehte Greene dann in 10,10 auf.

Greene verlor im Sommer das eine oder andere Rennen, in Gateshead, in Athen. Den Trainer beunruhigt das nicht: "Nur Olympia zählt in diesem Jahr. Er und ich, wir vertrauen uns. Ich weiß, seine Träume sind so groß wie meine." Der Coach ist ein eleganter, disziplinierter Mann. Und ein begehrter obendrein. Es kommt schon vor, dass während eines Gesprächs das Handy klingelt und Smith später erklärt: "Es war Albert. Der Prinz von Monaco."

Maurice Greene, sagt der Trainer, sei Jahr für Jahr fitter geworden. Greene habe Respekt vor ihm, "seit er bei mir ist, hat er noch kein Training geschwänzt". Die Feststellung widerspricht völlig dem Bild, das sich die Öffentlichkeit von dem Weltrekordler macht. "Das Bild über ihn," sagt Smith, "ist das eines großen Jungen mit einem breiten Lächeln. Er ist ein Showman. Aber er vergisst nicht, dass er einen Traum erfüllen muss." Manchmal macht er in den Augen von Europäern lächerliche Dinge, posiert wie ein Bodybuilder, ulkt herum wie ein Profiringer. Smith schaut ihm zu und sagt nichts. Er vermischt seinen Alltag nicht mit dem seiner Athleten, zu denen auch die 200-m-Weltmeister Ato Boldon und Inger Miller gehören. "Ich gehe nicht in ihre Hotelzimmer und auch nicht in die Klubs, in denen sie sind. Ich will nicht jung erscheinen. Aber ich halte mich fit. Ich will ein Beispiel sein."

Smith sähe es gern, wenn Greene noch bei zwei weiteren Olympischen Spielen starten würde. Er sei gefestigt genug, um dies zu erreichen, findet der Trainer. Und erzählt von dem Rennen neulich in Athen, das Greene verlor. Sie seien 22 Stunden mit dem Flugzeug aus den USA unterwegs gewesen, und dann war auch noch das Gepäck nicht mitgekommen. "Es war schon spät, als er übermüdet aus dem Stadion kam, und er war wirklich nicht happy. Plötzlich standen ein paar kleine Mädchen vor ihm und wünschten ein Autogramm. Und was geschah? Er war nett zu ihnen. Das ist es, was ich sehe."

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