Max Chilton, Jules Bianchi und Co. : Papa zahlt das Formel-1-Auto

Politik, gute Beziehungen, reiche Familie: Um in die Formel 1 zu kommen, reicht Talent längst nicht mehr aus. Fünf Neulinge, die Ende 2012 den Sprung schafften, sind allesamt Beispiele für diesen Weg. Einer von ihnen: Jules Bianchi.

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Von Slims Gnaden. Esteban Gutierrez fährt bei Sauber, weil der reichste Mann der Welt es so will.
Von Slims Gnaden. Esteban Gutierrez fährt bei Sauber, weil der reichste Mann der Welt es so will.Foto: AFP

Was haben Heikki Kovalainen, Witali Petrow, Bruno Senna, Kamui Kobayashi, und Timo Glock gemein? Die Rennpiloten mussten Ende 2012 die Formel 1 verlassen. Und zwar nicht in erster Linie, weil ihre Leistungen nicht gestimmt hätten. Sondern vielmehr deswegen, weil es ihnen an dem fehlte, was man heute offensichtlich in erster Linie braucht, um sich einen Platz in der höchsten Motorsportklasse zu sichern: Geld und gute Beziehungen.

Die fünf Neulinge, die 2013 den Sprung in die Formel 1 geschafft haben und die etablierten Piloten verdrängten, sind allesamt Beispiele für diesen Weg. Ihre Argumente sind Mäzene, eine reiche Familie oder ein persönlicher Manager, der gleichzeitig eine Entscheiderposition in einem Team einnimmt. Durch gute Leistungen in einer Nachwuchsklasse im vergangenen Jahr oder durch einen großen Sponsor aus der freien Wirtschaft, der die Formel 1 als wirkliches Werbemedium für sein Geschäft sieht, hat sich keiner empfohlen.

Ein Grund dafür ist eine bisweilen fragwürdige Kombination von Teamchef und Fahrermanager in einem. Die erfand einst der umstrittene Flavio Briatore, der Fernando Alonso bei Renault gleichzeitig bezahlte und an ihm verdiente. Und das Modell findet immer mehr Nachahmer. Etwa im Fall Romain Grosjean bei Lotus, der von der Managementagentur von Teambesitzer Gerard Lopez und Teamchef Eric Boullier betreut wird.

Jules Bianchi wurde im Paket mit vergünstigten Ferrari-Motoren angeboten

Über ähnliche Seilschaften kam auch Jules Bianchi, der nun in Suzuka in einem schweren Unfall verwickelt war, und wegen schwerer Kopfverletzungen notoperiert werden musste, in die Formel 1. Der Manager des Franzosen heißt Nicolas Todt und ist der Sohn von Jean Todt. Der wiederum war früher Ferrari-Teamchef und arbeitet nun als Präsident des Automobil-Weltverbands Fia. Todt hat natürlich immer noch beste Beziehungen nach Maranello zu Ferrari-Chef Luca di Montezemolo. Und so wurde Bianchi quasi im Paket mit dem Versprechen zukünftig vergünstigter Ferrari-Motoren angeboten.

Zuerst wurde Jules Bianchi bei Force India angeboten, als das nicht klappte, biss das Hinterbänklerteam Marussia an. Dort war man verzweifelt auf der Suche nach einem bezahlbaren Motor für 2014. Und dass Jules Bianchi noch ein paar Millionen von einer Ferrari-Zulieferfirma mitbrachte, war natürlich auch willkommen. Und die Familie Todt ist noch in weitere Personalien involviert. Daran, dass der ebenfalls von Nicolas Todt gemanagte Felipe Massa doch noch bei Ferrari verlängerte, soll nach hartnäckigen Fahrerlager-Gerüchten auch Montezemolo höchstpersönlich mitverdienen. Das wäre aber auch nichts Neues. Ein solches Modell etablierte schon der frühere Technische Direktor von Toyota, Mike Gascoyne, vor einigen Jahren.

Den jungen Engländer Max Chilton kaufte sein Vater ins Team

Dem zweiten Marussia-Fahrer half Papa ins Cockpit. Den jungen Engländer Max Chilton kaufte sein Vater ins Team. Chilton senior ist einer der reichsten britischen Unternehmer. Die Summe, mit der er sich selbst am Team beteiligte, soll zwischen 20 und 30 Millionen Euro liegen. Auch beim zweiten Hinterherfahrerteam Caterham hat sich Giedo van der Garde mit Familiengeld eingekauft. Van der Gardes Schwiegervater ist der Besitzer der holländischen Textilfirma McGregor. In seinem Fall sollen zwölf Millionen Euro geflossen sein, um dem eher mittelmäßig erfolgreichen GP2-Piloten ein Jahr in der Formel 1 zu bescheren.

Valtteri Bottas, der Williams-Neuling, ist auch so ein Fall. Der Finne hatte zumindest in unteren Klassen wie der GP3 schon Meistertitel gewonnen. Sein Förderer und Manager Toto Wolff kündigte ihn schon überall als den kommenden Weltmeister an. 2012 schwang Wolff noch bei Williams das Zepter, und bevor er zu Mercedes wechselte, holte er noch seinen Schützling Bottas ins Team. Gegen den Willen vieler anderer bei Williams im Übrigen. Die Ingenieure, die Bottas bei seinen Freitagseinsätzen letztes Jahr betreuten, meldeten bereits da leichte Zweifel an seinem „überragenden“ Talent an. Aber Wolff setzte sich durch, nicht zuletzt deswegen, weil der durch Krankheit geschwächte Frank Williams das Team nicht mehr wirklich führen konnte. Nach dieser Rochade gingen auch zwei Spitzeningenieure, und jetzt, nachdem Wolff sich zu Mercedes verabschiedet hat, hat Williams den Salat. Das Auto funktioniert nicht richtig, man hinkt im Gegensatz zum letzten Jahr gewaltig hinterher. Das vermeintliche Wunderkind Bottas ist zu langsam und bringt offenbar auch nicht die großen technischen Fähigkeiten mit, um das zu verbessern. Außerdem hat er nur rund drei Millionen Euro Sponsorengeld mitgebracht (zwölf weniger als Senna), und das fehlende Geld macht die Entwicklungsarbeit am Auto nicht einfacher.

Ein kleiner Sonderfall ist Esteban Gutierrez bei Sauber. Der Mexikaner profitierte davon, dass Carlos Slim, der reichste Mann der Welt, seinerzeit mit dem Schweizer Team einen Vertrag bis 2013 abschloss. Slim betrachtet die Formel 1 eher als Hobby denn als Werbeplattform und brachte so seinen persönlichen Lieblingsfahrer Sergio Perez bei Sauber unter. Der wurde inzwischen zu McLaren weitertransferiert, 2014 wird Slims Firma Telmex als Hauptsponsor ihm folgen. Für das Übergangsjahr wollte der mexikanische Mäzen aber weiterhin einen Landsmann im Sauber. Die Wahl fiel auf Gutierrez. So sitzt der zumindest mal für ein Jahr im Auto, bis der Vertrag mit Slim ausläuft. Und bis der nächste Fahrer mit Beziehungen an die Tür klopft.

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