Sport : Max Schmeling: Ein Boxer und seine Stadt

Gerhard Reimann

Heute feiert Max Schmeling völlig zurückgezogen seinen 96. Geburtstag, aber seine Freude ist in diesem Jahr gedämpft. Denn die grausamen Bilder von den Terror-Attentaten in New York sind auch ihm, dem ältesten noch lebenden Schwergewichts-Boxweltmeister, im Gedächtnis. Und vor allem: Er hat eine besondere Beziehung zu New York. Im Yankee-Stadion wurde der bewegende Gedenkgottesdienst für die Terror-Opfer abgehalten, und dieses Stadion kennt Schmeling sehr gut. Dort hat er seine größten Triumphe gefeiert, dort hat er auch seine bitterste Niederlage erlitten.

Rückblende: 12. Juni 1930. Max Schmeling, der deutsche Schwergewichtler, kämpft gegen den US-Amerikaner Jack Sharkey um den WM-Titel. Schmeling ist zu dieser Zeit sehr populär in den USA. Er hatte schon fünfmal in New York geboxt, und die Zeitungen und die Fans begrüßen ihn überaus freundlich. Der Schuhfabrikant George W. Johnson, ein Multimillionär, führt den Deutschen sogar durch die Stadt und sagt: "Herr Schmeling, New York liegt Ihnen zu Füßen." Dann der Kampf: Sharkey landet einen Tiefschlag, und dann beginnt das Chaos. Denn der Ringrichter hatte nichts Genaues gesehen, er befragt die Kampfrichter. Plötzlich aber bekam das Ganze eine völlig neue Dimension. Denn am Ring saß auch die Ehefrau des Zeitungsverlegers Randolph Hearst, dessen Blätter insgesamt 21 Millionen Leser hatten. Hearst hatte einen Milchfonds gegründet, der unter anderem aus Einnahmen aus Boxkämpfen wie dem von Schmeling gegen Sharkey gespeist wurde. Und Frau Hearst befürchtete, dass Boxkämpfe keinen Gewinn mehr abwarfen, wenn die Sportart unter einem Skandal litt. Deshalb entschied sie: "Sharkey darf nach seinem Tiefschlag nicht Weltmeister werden." Arthur Brisbane, der bekannteste Leitartikler des Hearst-Konzerns, der neben ihr saß, musste an den Ringrichter weitergeben: "Wenn Sharkey Weltmeister wird, erscheint in den Herast-Blättern nichts mehr über Boxen." Schmeling war Weltmeister.

Mit einem krassen Fehlurteil nahm der US-Amerikaner am 21. Juni 1932 Revanche. Wieder im Yankee-Stadion. Dann, vier Jahre später, Schmelings spektakulärster Triumph. Der deutsche Schwergewichtler schlug den haushohen Favoriten Joe Louis in der zwölften Runde. Er war zwar eine Sensation, aber es war kein WM-Sieg, wie oft fälschlich berichtet wird. Aber dieser Sieg war fast unglaublich. Denn Schmeling wurde diesmal nur als Fallobst betrachtet. Da spielte es auch keine Rolle, dass Theodore Roosevelt in Schmelings Trainingscamp gekommen war. Es war Wahlkampf, Roosevelt war Präsidentschaftskandidat, der musste so etwas tun. Das beeindruckte keinen der Fans. Aber dann lag Louis am Boden, und am Ring herrschte lähmendes Entsetzen. In Harlem aber, im Viertel der Schwarzen, gab es Straßenschlachten. Die Niederlage von Louis, dem so genannten braunen Bomber, hatte plötzlich eine politische Dimension.

Dann erlitt Schmeling, wieder im Yankee-Stadion, seine bitterste Niederlage. Wieder boxte er gegen Louis. Aber diesmal war es mehr als Sport. Jetzt trafen Ideologien aufeinander. Es herrschte Kriegsangst, Schmeling galt als Abgesandter der Nazis, nun kämpfte die freie Welt gegen ein Verbrechensregime. So sahen es die US-Medien, so sahen es auch viele Fans. Louis war jetzt Weltmeister, und er gewann schon nach 124 Sekunden in einem brutalen Duell. So brutal, dass in Deutschland das Gerücht grassierte: "Schmeling ist tot."

Schmeling ließ den Kontakt zu New York nie abreißen. Nach dem Krieg war er mehrmals in der Stadt. Er traf sich oft mit Joe Louis. Der verlor in den USA seine Popularität, arbeitete als Türsteher in Las Vegas und starb 1981. Schmeling bezahlte einen Teil der Begräbniskosten. Für ihn war diese Beerdigung ein schmerzvoller Moment.

Noch schmerzvoller muss für ihn der Gedenkgottesdienst gewesen sein. Für ein paar Stunden konzentrierte sich die Trauer auf den Ort, den Schmeling so gut kannte. Durch bittere, aber auch durch schöne Stunden.

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