Sport : MBC: Markenzeichen Mitteldeutsch

Ingo Wolff

In Weißenfels ist dieser Tage ein Sandhaufen Stadtgespräch. Immerhin ist der schwarz-rote Hügel Ergebnis des ersten Spatenstichs für eine neue Mehrzweckhalle am vorigen Mittwoch und die hat für die 35 000-Seelen-Gemeinde südlich des Chemiedreiecks in Sachsen-Anhalt besondere Bedeutung. Denn diese Halle soll in zwei Jahren Spielstätte des Mitteldeutschen Basketball Clubs werden, der als Bundesligist sportliches Aushängeschild der Stadt und somit ganzer Stolz der Einwohner Weißenfels ist.

Bei denen heißt der Mitteldeutsche BC nur kurz: die Wölfe. Und auch wenn der Hügel in Form und Farbe einer Wolfshöhle derzeit wohl ähnlicher ist, als es die fertige Halle je sein wird, sind sich die MBC-Fans schon jetzt sicher: das wird ihr neuer Wolfsbau. Mit einer von den Gegnern gefürchteten Atmosphäre wie in der Sporthalle West, dem alten Wolfsbau. Doch aus der musste der MBC im Sommer ausziehen, denn die alte Halle entsprach nicht mehr den neuen fernsehgerechten Anforderungen der Basketball-Bundesliga. Eine Sonderlizenz für den Aufsteiger gab es nur für ein Jahr. Deshalb zog der MBC um - ins zwölf Kilometer entfernte Spergau, einst wegen der angrenzenden Leuna-Werke schmutzigste Stadt der DDR genannt. Heute, nach dem Einbau modernster Technik und dank reichlich sprudelnder Gewerbesteuer ein aufstrebender Ort. So konnte sich Spergau eine neue Sporthalle leisten - noch vor Weißenfels, wo bereits seit 1995 über einen Neubau diskutiert wurde. Ein Glücksfall für den MBC, gab es sonst weit und breit keine adäquate Halle. Dank der Jahrhunderthalle in Spergau wurde eine Übergangslösung gefunden und der MBC brauchte nicht endgültig die Stadt an der Saale verlassen, die früher eine Schlafstadt für das Chemiekombinat war und trotz aller Umstrukturierung noch heute etwas verschlafen wirkt.

Mit der Drohung, die Stadt zu verlassen, trieb der MBC auch die Stadtväter von Weißenfels zum Handeln. Wollten sie den aufstrebenden Verein doch nicht verlieren. Schließlich gibt der sportliche Erfolg den Bewohnern der Umgebung doch zusätzliches Selbstvertrauen, selbst wenn der Verein seit Saisonbeginn nicht mehr SSV Weißenfels, sondern MBC heißt. Marketingstrategisch sei die Umbenennung aber notwendig gewesen, um die Attraktivität für Sponsoren zu erhöhen, erklärt Weißenfels Sportmanager Ingo Wolf. "Die überregionalen Unternehmen wollten nicht mehr nur Weißenfels sponsorn und nur mit örtlichen Unternehmen hätten wir den Erfolg nicht geschafft."

Doch der ehemalige Basketballprofi nennt noch einen weiteren Grund für die Umbenennung: "Wir wollen ganz Mitteldeutschland vertreten und die relativ kleine Fangemeinde aus Weißenfels vergrößern." Das scheint nicht schwer, gibt es doch sportlich wenig interessante Alternativen in der Region. Um allen eine gewisse Identifikation zu bieten, wurde der Name auf Mitteldeutschland ausgedehnt. Die Bewohner dieses Landstrichs bezeichnen sich traditionell als Mitteldeutsche, wenn das geografisch auch nicht mehr ganz stimmt. Etwaige nationalistische Gedanken spielen dabei keine Rolle. Ein Trend, der auch bei vielen Unternehmen in dieser Region zu erkennen ist, wie bei der Mitteldeutschen Erdölraffinerie in Leuna oder dem Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig. Die Wirtschaft will so die Region in aller Welt bekannt machen.

Neben dem Umzug mussten die Fans also noch einen Namenswechsel verkraften. Und das wo sich die ostdeutschen Fans doch stärker mit ihrem Verein identifizieren als die westdeutschen, sagt Wolf aus eigener Spielererfahrung. Doch der Übergang war schmerzloser als zunächst befürchtet. Nur ein Dauerkartenbesitzer hat sein Jahresticket zurückgegeben und dieses inzwischen sogar wieder. Die Halle ist trotz umständlicher Anfahrt aus Weißenfels immer voll. "Und die Stimmung konnten wir auch mitnehmen", sagt MBC-Präsident Joachim Stumpf. "Die Fans kennen ja die wirtschaftliche Lage der Region und haben deshalb unseren Schritt verstanden."

Also keine Nostalgie beim MBC und auch kein falschverstandener örtlicher Stolz, mit dem der Vereinsvorstand am Namen Weißenfels festhält, trotz tiefer Wurzeln. Schließlich wird in Weißenfels schon sein 1957 Basketball gespielt. Am Weißenfelser Gymnasium war Basketball Sportart Nummer eins. Und dort hat er sich, obwohl in der DDR nicht gefördert, immer gut gehalten. Der SSV spielte jahrelang in der Oberliga und als letzter DDR-Vertreter sogar im Korac-Cup. Dass man den Einbruch anschließend vermieden hat, erklärt Stumpf recht simpel. "Viele haben weiter auf den Geldregen vom Staat gehofft." In Weißenfels habe man sich stattdessen schon 1990 hingesetzt und überlegt, wie man das Ganze professionell aufbaut. Ausschlaggebend für die Fokussierung der Region auf den SSV Weißenfels war allerdings das Aussterben der Vereine ringsum.

Einige, wie die in der DDR sehr erfolgreichen Handballer, wollten sich später sogar dem SSV anschließen, weil sie gemerkt hätten, wie gut der Vorstand arbeite, sagt Stumpf. Er habe dann häufig festgestellt, mit welchem Wunschdenken die Vereine auf den großen Geldsegen hofften. In Weißenfels habe man jeden kleinen Sponsor mitgenommen und alles langsam aufgebaut, dabei aber solide gewirtschaftet. So erklärt er auch den überraschenden sechsten Platz in der ersten Saison. Ein Ergebnis einer langwierigen Arbeit für eine homogene Mannschaft ohne Topspieler, bei der jeder vorher getestet wird, ob er charakterlich ins Team passt. Eine harte Arbeit, sagt Stumpf. "Eine Hundearbeit", ergänzt Wolf.

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