McLaren-Mercedes : Zwischen Stolz und Spionage

Nach Alonsos Grand-Prix-Sieg muss McLaren-Mercedes noch einen wichtigeren Erfolg erringen.

Christian Hönicke[Nürburgring]
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Hilfe von oben. Das regnerische Wetter unterstützte Fernando Alonso bei seinem Sieg auf dem Nürburgring. -Foto: AFP

NürburgringDas Wochenende hätte für Norbert Haug kaum besser laufen können. „Das war ein geiles Rennen. Endlich haben wir einen Heimsieg geschafft“, sagte der Mercedes-Motorsportchef nach dem Erfolg seines Piloten Fernando Alonso beim spektakulären Formel-1-Grand-Prix auf dem Nürburgring. „Und das auch noch, als drei Mercedes-Vorstandsmitglieder an der Boxenmauer standen.“

Auf eindrucksvolle Weise hatte Alonso die Null-Punkte-Runde seines Teamkollegen Lewis Hamilton genutzt, um sich wieder zurück ins Titelrennen zu katapultieren. „Noch mehr als über den Sieg freue ich mich darüber, dass ich Lewis Hamilton zehn Punkte weggenommen habe“, sagte der Weltmeister. Der Spanier fühlte sich zuletzt zu wenig gewürdigt. Hamilton zeigte zwar überragende Leistungen auf den Rennstrecken, allerdings profitierte er auch, öffentlich eher unbeachtet, von der immensen teaminternen Vorarbeit seines spanischen Teamkollegen. In der WM fahren beide McLaren-Mercedes-Piloten nur noch durch zwei Punkte voneinander getrennt dem Feld voran, und „in der Konstrukteurswertung führen wir jetzt schon mit 27 Punkten“, sagte Haug stolz.

Doch seinen Partner Ron Dennis konnte der Deutsche genauso wenig wie der jubelnde Alonso mit Euphorie anstecken. Beinahe teilnahmslos nahm der McLaren-Teamchef am Nürburgring den Pokal von Michael Schumacher entgegen. Er weiß: Der wichtigste Erfolg im Titelrennen muss am Donnerstag errungen werden.

Die Spionage-Affäre um den ehemaligen McLaren-Chefdesigner Mike Coughlan könnte sich zu einem entscheidenden Faktor in der diesjährigen Weltmeisterschaft erheben.

An diesem Donnerstag will der Automobil-Weltverband Fia in Paris in einer Anhörung klären, ob McLaren-Mercedes wirklich keinerlei Vorteile aus den geheimen Daten gezogen hat, die Coughlan vom früheren Ferrari-Techniker Nigel Stepney erhalten hat. In seiner an die Öffentlichkeit gedrungenen Eidesstattlichen Erklärung gibt Coughlan zu, die Daten dem Teammanager Jonathan Neale und weiteren Personen „gezeigt“ zu haben. Die Reaktionen seien aber immer die gleichen gewesen: „Man hat mir gesagt, dass ich sie loswerden solle.“

Obwohl auch Ron Dennis die These von einem Einzelvergehen eines fehlgeleiteten Mitarbeiters vertritt, machen immer neue Verdächtigungen über das Ausmaß der Affäre die Runde. Zuletzt meldeten englische und italienische Zeitungen, dass der Protest, den der Rennstall zu Saisonbeginn gegen den flexiblen Unterboden des italienischen Konkurrenten einlegte, auf den Daten des 780-Seiten-Dossiers über den neuen Ferrari beziehungsweise einem Hinweis Stepneys basiert haben soll. McLaren wird erklären müssen, wie man eine so schwer einsehbare Partie wie den Boden eines anderen Autos hinreichend beobachten konnte, um Verdachtsmomente zu erlangen.

Verständlich also, dass Ron Dennis momentan nicht gerade in Siegerpose durch das Fahrerlager stolziert. Sichtlich bedrückt geht der Brite dem 26. Juli entgegen, der seinem Team im schlechtesten Fall eine Strafe und seinem Lebenswerk einen hässlichen Kratzer verpassen könnte. Zur Verbesserung seiner Laune trug auch Max Mosley wenig bei, der nicht nur einer seiner Lieblingsfeinde, sondern ungünstigerweise gleichzeitig Fia-Präsident ist und schon einmal mitteilen ließ, dass ein Team auch für seine Mitarbeiter hafte. „Es wäre falsch zu behaupten, dass ich mich auf Donnerstag freue“, sagte Ron Dennis leise. „Andererseits möchte ich das Thema endlich hinter mir haben.“ Danach wird klar sein, ob auch Lewis Hamilton und Fernando Alonso weiterhin ihre Gegner hinter sich haben.

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