Sport : Medaille mit Maßband

Im Hammerwurf muss BETTY HEIDLER lange zittern, weil ihre Weite nicht korrekt angezeigt wird.

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Plötzlich riss Betty Heidler, umgeben von einem Pulk von Kampfrichtern, die Hände in die Höhe. Dann lief sie strahlend zu ihrem Trainer, schnappte sich eine Deutschland-Fahne und lief glückselig durchs Olympiastadion. Die ganze Anspannung löste sich. Betty Heidler aus Frankfurt am Main, die Weltrekordlerin, war gerade zur Bronzemedaillengewinnerin im Hammerwerfen ernannt worden. Auf dem Anzeigenwürfel im Innenraum tauchte ihr Name und ihre Weite auf: 77,13 Meter. „Jetzt ist alles gut“, sagte sie. „Ich freue mich so dermaßen, dass die Briten alles möglich gemacht haben, um den Fehler zu finden.“ Doch die Chinesen legten gestern noch Protest ein, weil Zhang Wenxiu durch diese Entscheidung Platz drei verlor.

Es war das Ende eines Nervenkriegs, der zeitweise tragikomische Züge trug, als Kampfrichter mit dem guten alten Maßband über den Rasen liefen. Es war auch das Ende einer Leidenszeit, in der Betty Heidler scheinbar teilnahmslos das Ende der Konkurrenz verfolgt hatte. Sie war das Opfer eines fatalen Fehlers geworden. Denn ihr fünfter Versuch war zwar gemessen worden, wurde ihrer Aussage nach aber nicht im System gespeichert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Weltrekordlerin mit 73,90 Metern auf Rang acht gelegen.

Noch ein fataler Fehler also. Die Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf war beim abschließenden 800-Meter-Lauf disqualifiziert worden, weil sie angeblich auf der Bahn eine Begrenzungslinie betreten hatte. Ebenfalls eine Fehlentscheidung. Die Linie hatte eine Konkurrentin betreten. Aber bis dieser Umstand offiziell festgestellt wurde, hatte Schwarzkopf gelitten wie ein Hund, bis sie die Nachricht erhielt, dass sie Silber gewonnen hatte.

Nun also wieder Diskussionen. Das Ergebnis lautete: Die Weltrekordlerin darf ihren Versuch wiederholen. Doch die 28-Jährige war völlig aus dem Rhythmus gekommen. Sie schleuderte den Hammer nicht mal 70 Meter weit – und machte den Versuch ungültig.

Den weiteren Wettkampf verfolgte sie mit versteinertem Gesicht. Während des sechsten Durchgangs saß sie auf dem Boden, drehte langsam ihren Kopf zur Anzeigentafel, studierte die Liste der Namen, sah, dass sie ganz unten stand und drehte sich langsam wieder weg. Sie wirkte in diesem Moment wie weggetreten. Kein Wunder, dass sie in ihrem letzten Versuch nur noch auf 72,77 Meter kam. Der Wettkampf war vorüber, jedenfalls dachten das alle. Gold hatte die Russin Tatjana Lysenko mit 78,18 Meter gewonnen, Silber ging an die Polin Anita Wlodarczyk (77,60 Meter). Auf dem dritten Platz lag die Chinesin Zhang Wenxiu mit 76,34 Metern. Noch.

Doch dieser Wettkampf war noch nicht vorüber. Betty Heidler und die deutsche Mannschaft kämpften um eine angemessene Korrektur des Fehlers. Mit Erfolg. Durch die ganze Aufregung rutschte Heidlers Vereinskollegin Kathrin Klaas auf den fünften Platz. Sie hatte mit 76,05 Metern persönliche Bestleistung geworfen.

Betty Heidler hatte noch am Donnerstag betont: „Ich will in London eine Medaille.“ In der Qualifikation hatte sie 74,44 Meter geworfen und dabei nicht mehr getan als nötig. Man konnte also davon ausgehen konnte, dass die 28-Jährige im Finale noch erheblich zulegen würde. Doch davon war in den ersten Versuchen nichts zu sehen. Sie begann mit 73,90 Meter. Als sie den Ring verließ, blickte sie missmutig und unzufrieden. Im zweiten Versuch lief es noch schlechter: Mit 71,52 Meter lag sie fast acht Meter unter ihrer Weltrekordweite. Der Druck stieg.

Der dritte Durchgang, das bekannte Bild. Betty Heidler zeigte nicht ihre Normalform, der Hammer bohrte sich nach 72,77 Meter in den Rasen. Doch dann kam der fünfte Versuch. Der Hammer flog lange durch die Luft, er plumpste in den Boden. Und nun begann das Unheil.

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