Sport : Medaillen für die Tradition

Wie viel Osten steckt im Olympiateam? Diese Frage lässt sich mit Heimatgefühlen beantworten – und mit dem Erbe des DDR-Sports

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Berlin - Der Osten ist in Turin mit eigenen Häusern vertreten. Im „Sächsischen Haus“ werden Medaillen der Neuen Bundesländer gefeiert, im „Casa Thüringen“ wird ostdeutsches Liedgut angestimmt. Wenn Thüringens Verkehrsminister Andreas Trautvetter kommt, dürfte er das Rennsteiglied singen, mit dem er in der MDR-Hitparade auf Platz zwei liegt: „Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen, Thüringer Wald nur nach Dir.“ Trautvetter ist auch Präsident des deutschen Bob- und Rodelverbandes. „Es gibt keinen Ost-West-Konflikt im Sport mehr“, sagt er. Stolz auf die Heimat aber gibt es bei ostdeutschen Athleten und Funktionären. Stolz macht einen Unterschied.

Kati Wilhelm trägt heute die Fahne der deutschen Olympiamannschaft zur Eröffnungsfeier in Turin. Die Biathletin stammt aus Zella-Mehlis – am Rennsteig. Viele Sportlerinnen und Sportler kommen aus den Wintersportorten des Erzgebirges und Thüringen. 63 der 162 Athleten sind in den Neuen Bundesländern geboren. Die Westdeutschen haben ihre Mehrheit nur wenigen Sportarten zu verdanken. 44 der 46 Spieler der Eishockeyteams kommen aus dem Westen. Allein Sven Felski und Susann Götz repräsentieren hier den Osten.

In Turin gibt es ostdeutsche Sportarten und westdeutsche Sportarten. Die in der DDR wegen vieler möglicher Medaillen geförderten Sportarten Eisschnelllauf, Rodeln, Bobfahren sowie nordische Skidisziplinen werden von vielen Ostdeutschen ausgeübt. Alpine Skiläufer kommen vorrangig aus dem Westen; die Snowboarder auch – mit Schwerpunkt München.

Im Alltag gibt es schon viel Zusammenarbeit. So trainiert Kati Wilhelm in Ruhpolding. Dagegen hat sich Langläufer Tobias Angerer, geboren in Traunstein, im thüringischen Oberhof vorbereitet. „Dort hatte ich meist den Weltcupführenden Axel Teichmann vor mir“, sagt Angerer. In Oberhof verbesserte Angerer seine Technik im klassischen Stil, indem er Teichmanns aufrechte Haltung imitierte. Länger blieb Angerer aber nicht in Oberhof: „Ich brauche die Berge.“

Axel Teichmann legt ähnlich viel Wert auf seine Herkunft. „Der Zusammenhalt ist bei uns wie in der DDR“, schwärmt er. „Wir sind einfache Leute, keine High Society.“ Teichmann erzählt gern von den Traditionen in seinem Verein WSV Lobenstein. „Abwintern“ ist eine davon. Gemeinsam mit Freunden wird Schnee eingefroren, um Frau Holle zu besänftigen.

Es gibt noch immer unterschiedliche Traditionen und Denkweisen. Wenn Eisschnellläuferin Claudia Pechstein Gold gewinnt, siegt sie auch für ihre Heimat. Die Ost-Berlinerin wurde im DDR-Fördersystem groß. Seit 1991 hat sie einen Trainer alter Schule: Joachim Franke. Pechstein beklagt, dass Franke vom Verband selten gewürdigt wird, dass ihn Chef-Bundestrainer Helmut Kraus nicht genug in seine Arbeit einbinde. Im „Focus“ behauptete sie, Franke verdiene weniger Geld als ein West-Trainer. In der Debatte stellt Pechstein den unauffälligen Kraus als eitlen Gegenspieler von Franke dar. Gerd Heinze, Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, sagte gestern in Turin zu Frankes Bezahlung nur so viel: „Der Sachverhalt, der im ,Focus’ beschrieben wurde, trifft nicht zu.“

Zehn von 14 Athleten im Eisschnelllaufen sind Ostdeutsche. Das liegt auch daran, dass es in Erfurt und Berlin-Hohenschönhausen viele gute Sportanlagen gibt. In Erfurt arbeitet der erfahrene Trainer Stephan Gneupel, die Talentförderung ist an beiden Standorten sehr gut.

In Erfurt trainiert auch Stefan Lindemann. Der Eiskunstläufer holte 2004 WM-Bronze. Hinter seinem Erfolg steht Ilona Schindler. Sie hat ihn 1988 als Kind übernommen. Schindler studierte an der berühmten DHfK die DDR-Trainingsmethoden, doch sie hat sich auch angepasst. Sie ist 45, noch streng, aber sie lässt Freiraum. Deshalb hat Lindemann Erfurt nie verlassen – obwohl es im Sommer kein Eis gibt, weil Geld fehlt. Dann weicht er nach Berlin oder Dortmund aus.

Alle deutschen Olympioniken im Eiskunstlauf trainieren in Chemnitz oder Erfurt. Eva-Maria Fitze, die mit Rico Rex im Paarlauf antritt, wechselte aus München nach Chemnitz. Die Einzelläuferin wollte in den Paarlauf, und mit Rico Rex fand sie in Chemnitz einen guten Partner.

Ingo Steuer hat beide lange trainiert. Steuer, der frühere DDR-Läufer, wurde nun als Stasi-IM enttarnt. Die Debatte um ihn hat einen Konflikt aufgezeigt, der über Heimatgefühle hinausgeht. Es gab alte Reflexe: die Angst des Westens vor der dunklen DDR-Vergangenheit; die Angst des Ostens, fremdbestimmt zu werden. Bei seinem Kampf um Wiederaufnahme ins Olympiateam, den Steuer vor Gericht zunächst für sich entschied, konnte er auf die Ostdeutschen zählen. Der Coach der Vize-Europameister Robin Szolkowy/Aljona Sawtschenko wurde bei einer Umfrage des MDR von einer überwältigenden Mehrheit unterstützt. Morgen schon dürfte Steuer in Turin an der Bande stehen. Er will ein Symbol des Ostens sein. Doch eigentlich ist er das falsche.

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