Sport : Medaillen mit Philosophie

China hat bei Olympia so viele Medaillen gewonnen wie keine andere Nation

Benedikt Voigt[Athen]

Xe Hoixian sitzt im Saal Delphi vor rund 30 chinesischen Journalisten und liest aus einem Notizbuch vor. Weite Strecken ihres 45-minütigen Vortrags, der als Pressekonferenz deklariert ist, spricht die Vizepräsidentin des chinesischen Nationalen Olympischen Komitees über die Philosophie des Sportes. Die chinesischen Sportler müssten zum Beispiel Sunzi anwenden, sagt Xe Hoixian, eine alte chinesische Kriegsstrategie. Diese besagt: „Du musst dich kennen, und du musst deinen Gegner kennen.“

Wenn die Olympischen Spiele ein Platz für Kriegsstrategien sind, dann wenden sie die chinesischen Sportler bislang sehr erfolgreich an. Nach vier Tagen führten sie den Medaillenspiegel mit 16 Medaillen vor den USA an. Zehnmal ertönte nach olympischen Wettbewerben in Athen bereits die chinesische Hymne. Eigentlich hatte sich das chinesische NOK 20 Goldmedaillen und mehr als Ziel gesetzt. Davon hatte es die Hälfte schon nach drei Tagen eingesammelt. Erst 85 von 407 chinesischen Sportlern haben ihre Wettkämpfe beendet. „Einige haben bereits gefragt, ob wir unsere Ziele nach oben korrigieren“, sagt Xe Hoixian, „aber das machen wir nicht“. Die strenge Funktionärin mit der altmodischen Brille glaubt, dass die USA und Russland in den nächsten Tagen an China im Medaillenspiegel vorbeiziehen werden. Vor allem in der Leichtathletik zählen die chinesischen Sportler noch nicht zur Weltspitze. „Wir kämpfen mit den anderen Nationen um den dritten Platz in der Weltrangliste.“

Das wollte die deutsche Mannschaft auch einmal tun, doch nach vier Tagen scheinen die Chinesen bereits außer Reichweite. „Die Chinesen können aus einem Potenzial von 1,2 Milliarden Menschen schöpfen“, sagt der deutsche NOK-Präsident Klaus Steinbach, „das birgt Vorteile“. In vier Jahren finden die Olympischen Spiele in Peking statt. „Die Chinesen haben ihre Bemühungen im Sport verstärkt“, sagte Steinbach, „ich erwarte China im Jahr 2008 auf Platz eins im Medaillenspiegel“.

Schon das aktuelle chinesische Team steht im Zeichen der Olympischen Spiele 2008. Im Durchschnitt ist es 23,2 Jahre alt. Viele ältere Athleten haben die chinesischen Funktionäre zu Hause gelassen, um Konkurrenten eine Chance zu geben, die auch noch in vier Jahren an den Start gehen können. Die chinesischen Turmspringer, die auf dem Zehnmeterbrett Gold gewannen, sind beispielsweise erst 17 Jahre alt.

Außerdem intensivierten die Chinesen ihre Bemühungen in den olympischen Kernsportarten Leichtathletik, Schwimmen und Wassersport. „Darin gibt es bei olympischen Spielen 119 Medaillen zu gewinnen“, sagt Hoixian, „aber wir haben in Sydney davon nur eine Goldmedaille geholt“. Hier sieht die Funktionärin also noch Handlungsbedarf. Deshalb setzte China hier das „Projekt 119“ ein, um auch in diesen Sportarten Medaillengewinner zu produzieren. „Deshalb haben wir uns hier sehr über die Goldmedaille im Schwimmen gefreut“, erzählt Xe Hoixian. Einen ersten Platz belohnt die Regierung immerhin mit 20 000 Euro.

Doch es gab auch einige Enttäuschungen. Die Synchronspringer verpatzten ihren letzten Sprung, die Badmintonspieler waren nicht erfolgreich, und auch die Turner blieben bisher hinter den Erwartungen zurück. Aber für alle diese Sportler hat Xe Hoixian in ihrem Buch die passende Philosophie parat. „Wenn wir gewinnen, müssen wir bescheiden bleiben“, liest die Funktionärin vor, „wenn wir verlieren, dürfen wir nicht den Mut verlieren“.

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