• MEDAILLEN sind kein Staatsgeheimnis mehr: 86 Medaillen sollte das deutsche Team holen, davon 28 in Gold

MEDAILLEN sind kein Staatsgeheimnis mehr : 86 Medaillen sollte das deutsche Team holen, davon 28 in Gold

Am Ende waren es sicher nicht die 10 000 Euro Bußgeld, die das Berliner Verwaltungsgericht angedroht hatte. Es war vor allem der mit jeder Stunde wachsende öffentliche Druck, der das Bundesinnenministerium am Freitagnachmittag zu einer sportpolitischen Sensation veranlasste: der Veröffentlichung der Medaillenvorgaben für die 391 Sportlerinnen und Sportler im deutschen Team.

Nach Durchsicht der Unterlagen lässt sich schon jetzt sagen: Die Ziele sind am letzten Wochenende der Londoner Spiele nicht mehr zu schaffen. Insgesamt 86 Medaillen, davon 28 goldene, hatten das für Sport zuständige Haus von CSU-Minister Hans-Peter Friedrich und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit den einzelnen Sportverbänden vereinbart. Bis zum späten Freitagabend hat das deutsche Team aber lediglich 42 Medaillen (10 goldene, 18 silberne, 14 bronzene) gewonnen.

Hinter den einzelnen Zahlen stecken nicht nur viele verlorene Hoffnungen des deutschen Sports, sondern auch jede Menge Steuergeld. Denn wer die Zielvorgaben nicht erfüllt, dem droht der Verlust an Fördermitteln. So waren im Schwimmsport allein acht Medaillen eingepreist, davon zwei goldene. Der gestrige Silbergewinn des Langstreckenschwimmers Thomas Lurz blieb aber der einzige zählbare Erfolg, im Becken von London fischten die deutschen Schwimmer vergeblich nach Metall.

Die Liste, die der Tagesspiegel online unter www.tagesspiegel.de/olympia komplett veröffentlicht, zeigt eine Menge verfehlter Ziele der einzelnen Sportfachverbände an. So konnten die Fechterinnen genau so wenig zwei Goldmedaillen erringen wie der Bund Deutscher Radfahrer gleich derer drei. Manches Ziel war sogar schon vor den Spielen von London obsolet. Die Erwartung von zwei Medaillen durch den Handballverband, davon eine goldene, sowie von einer Medaille von den Fußballerinnen hatte sich schon nach der gescheiterten Olympia-Qualifikation vieler deutscher Mannschaften erübrigt.

„Nach dem Ausgang der Spiele werden wir gemeinsam mit dem Sport die notwendigen Schlüsse für die Sportförderung ziehen“, kündigte Friedrich am Freitag an. Einzig im Tischtennis und im Kanu wurden die gesteckten Ziele bisher tatsächlich erreicht.Und dementsprechend selbstbewusst äußerte sich Thomas Weikert als erster Präsident eines Spitzenverbandes in einer Pressemitteilung von Freitag. Der Chef des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) fordert „eine grundlegende Diskussion über die Förderung des deutschen Sports“.

Der spektakulären Veröffentlichung vorausgegangen war ein Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts, das vom Ministerium mit Frist bis Freitag, 15 Uhr genau diese gefordert hatte. Friedrich hatte zunächst angekündigt, den Rechtsweg auszuschöpfen und im Zweifel auch das angedrohte Bußgeld zu zahlen. Das Innenministerium argumentierte ebenso wie der DOSB mit „Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen“, die es zu wahren gelte. DOSB-Generalsekretär Michael Vesper befürchtete Wettbewerbsnachteile, wenn andere Länder die deutschen Ziele kennen würden. Journalistenverbände sowie Sportpolitiker von Grünen und SPD, aber später auch von der Regierungspartei FDP forderten Friedrich dagegen auf, die Zahlen zügig zu veröffentlichen. „Es ist ein Unding, dass Parlament und Öffentlichkeit im Unklaren gelassen werden sollten“, sagte Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, dem Tagesspiegel. „Schließlich geht es um die Verteilung der Steuermittel an den Sport, die durch das Parlament bewilligt werden.“ Auch in einigen Sportverbänden gab es ein Umdenken, das dann den DOSB und das zuständige Ministerium erreichte und zur Veröffentlichung führte. Robert Ide/Christian Tretbar

0 Kommentare

Neuester Kommentar