Medienkritik : Netzers Metamorphosen

Nach dem Schlusspfiff online: Die finale Medienkritik.

Markus Ehrenberg

Am Tag des EM-Finales hatte das Fußballfieber Günter Netzer und den „Presseclub“ erreicht. Zu Netzer später mehr. 80 Millionen Bundestrainer – wie schaffen wir den Sieg? So das Diskussionsthema der Journalisten am Mittag. Früher saßen da immer sechs Journalisten aus fünf Ländern neben Werner Höfer im „Internationalen Frühschoppen“ und diskutierten im rauchgeschwängerten Studio die Weltenläufte, während eine junge Frau ständig Wein nachschenkte. Gestern im „Presseclub“ hat sich niemand eine angesteckt. Im Gegenteil. Eine SZ-Redakteurin appellierte ans Fanmeilenvolk, der passiven Sportbegeisterung eine aktive folgen zu lassen. Das ist nämlich die Schattenseite: Deutschland – ein Land von Zuschauern, unsere Kinder sind zu dick! Außerdem sannen eine „Kicker“-Redakteurin und der „Focus“-Chef darüber nach, wer und was in drei Jahren von dieser EM in Erinnerung sein wird: Poldi? Schweini? Merkel? Alle drei?

Gute Frage. Vergessen wir Bilder-Blackout und falsche Flagge in den „Tagesthemen“. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und bei 115 Millionen Euro, die sich ARD und ZDF die EM haben kosten lassen, fällt besonders viel. Fernsehmäßig waren die vergangenen drei Wochen in Ordnung. Auch am Sonntag: Zeittotschlagen bis zum Finale. Monica Lierhaus im Gespräch mit Oli Bierhoff, Training, oh je, noch ohne Ballack, unterm Hubschrauberauge die letzten Kilometer mit dem Bus ins Stadion – mediale Rundumversorgung. Lierhaus, Bergener & Co. ganz ganz eng bei der Truppe. Auch deshalb wohl wurde Ballack wieder fit. Selbst Günter Netzer, der in seinem Habitus Werner Höfer immer ähnlicher zu werden droht, taute auf, je näher das Spiel rückte, nicht nur wegen des schwarzrotgoldenen Einstecktuchs. Begeisterung! Plötzlich wollte er Delling ausbüchsen und auf die Fanmeile. Netzer muss heute mit der Mannschaft nach Berlin kommen.

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