Sport : Meditatives Steineschieben

Das deutsche Curling-Team kämpft um eine Medaille und um mehr Popularität

Andreas Morbach[Turin]

Am Schreibtisch hat das mit dem Timing bei Uli Kapp nicht ganz so gut geklappt. Ein Buch über Curling wollte der 34 Jahre alte Jurist eigentlich veröffentlichen – und zwar zu den Olympischen Spielen. Sehr passend ist dabei, dass er bei den Wettkämpfen in Pinerolo Palghiaccio, 35 Kilometer südwestlich von Turin gelegen, selbst als Aktiver dabei ist, weniger gut dagegen der verschwitzte Termin. Kapp verzieht das Gesicht und gesteht: „Das Buch ist nicht rechtzeitig fertig geworden, jetzt erscheint es im März.“

Dafür immerhin kann der Füssener einen guten Grund anführen: sportliche Vergangenheitsbewältigung. Einmal war er bislang bei Olympischen Spielen, 1998 in Nagano. Kapp erinnert sich ungern an den achten Platz von damals. „Eine ziemliche Bauchlandung haben wir da hingelegt.“ Vier Jahre später klappte es nicht einmal mit der Qualifikation, doch nun sind er, sein älterer Bruder Andreas und die Kollegen Oliver Axnick und Holger Höhne zum zweiten Mal bei Winterspielen dabei – als Repräsentanten einer Sportart, die bei den deutschen Fernsehzuschauern bei den Winterspielen 2002 zum absoluten Hit avancierte. Wegen der Zeitverschiebung lief Curling in Deutschland damals zur besten Sendezeit, in der Spitze sahen sich fast acht Millionen Menschen nach Feierabend den meditativen Mix aus Steineschieben und Eisschrubben an. Von einem Curling-Boom war gar die Rede, allerdings endete dieser Boom schon auf dem Gang vom Fernseher zum Kühlschrank: 600 Curler gibt es zurzeit in Deutschland.

„Curling ist eine Wissenschaft für sich“, erklärt Uli Kapp. Das Allerschönste am Curling sind die „Pebblepopulationen“. Von denen spricht der Curler mit saurer Miene, wenn er im Laufe des etwa zweieinhalbstündigen Wettkampfs verstärkt mit stumpfer werdendem Eis zu kämpfen hat. „Pebble-ice“ ist der Name für das spezielle Curling-Eis. Die Eisfläche wird mit einer Spritzvorrichtung fein besprenkelt. Die gleichmäßig verteilten Wassertröpfchen gefrieren sofort und ergeben eine extrem feine Piste, auf der die Steine besser greifen und regelmäßig curlen. „Das Eis verändert sich, Eistropfen pebblen sich im Laufe des Spieles ab“, sagt Uli Kapp. Von großem Vorteil ist es im Teamsport Curling in solch misslichen Situationen, wenn man mit seinen Mitspielern gut vertraut ist. So wie die Männer vom Curling Club Füssen, von denen nur Andreas Kempf, der fünfte Mann, ein olympischer Neuling ist.

Während Deutschlands Curlerinnen in Turin zuschauen müssen, trifft das bayerische Männer-Quintett heute Abend im ersten von neun Vorrundenspielen gleich auf den Curling-Giganten Kanada (19 Uhr/ARD live). „Ein kanadisches Team kommt immer mit der Mission Gold zu einem Turnier, deshalb haben sie einen viel größeren Druck als wir“, sagt Uli Kapp, der die Ausgangsposition durchaus genießt. Die deutschen Männer peilen diesmal zumindest die Bronzemedaille an. „Bis zu acht Teams haben eine Medaillenchance“, sagt Oliver Axnick. „Wir zählen uns zu diesem Kreis.“ Am 24. Februar jedenfalls finden in Pinerolo Palghiaccio das Spiel um Platz drei und das Finale statt. Und sollte Uli Kapp dann tatsächlich mit von der Rutschpartie sein, hat er anschließend immer noch ein paar Tage Zeit, um sein Buch zu Ende zu schreiben.

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