Medizin : Deutscher Olympia-Arzt: "Auffallend wenige Verletzungen"

In seiner provisorischen Praxis im Athletendorf von Peking hat der deutsche Olympia-Chefarzt Wilfried Kindermann so wenig zu tun wie selten zuvor.

 „Es ist auffallend, dass die Verletzungsrate so gering ist“, stellte der 68-jährige Mediziner, der nach seinen achten Olympischen Spielen als „Oberarzt der Sportler“ seinen Abschied nimmt, fest. „Der Trend dazu hat sich in den vergangenen Jahren angedeutet.“ Fortschritte in der Sportmedizin, eine bessere Verletzungs-Vorsorge, aber auch ein neues Gesundheits-Bewusstsein bei den Athleten sind Gründe dafür. „Die Leute begreifen, dass sie nur Geld verdienen können, wenn sie auf ihre Gesundheit achten“, sagte Kindermann. Einem Athleten sagen zu müssen, dass er nicht an den Start gehen darf oder aufhören muss, dies sind die schwierigsten Situationen für ihn in seiner mit dem Hochleistungssport eng verknüpften Karriere gewesen. „Wenn man in die enttäuschten Gesichter schaut, dass tut weh“, sagte er.

In Peking traf es sechs Ruderer, die wegen einer Infektion nicht antreten konnten. „Das war ein eindeutiger Fall, doch es gibt auch welche, bei denen man so und so entscheiden kann.“ Erstmals war der frühere Leichtathlet, der 1962 mit der 4 x 400- Meter-Staffel Europameister wurde, bei den Olympischen Spielen 1972 in München als Arzt im Einsatz. Seit 2000 ist er der leitende Olympia-Arzt. „Ich habe immer die Ansicht vertreten, das hohe Funktionäre in einem gewissen Alter aufhören sollten“, begründete der Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin in Saarbrücken seinen freiwilligen Rückzug. Ende September gibt er auch die Institutsleitung ab. Sein Nachfolger wird in Saarbrücken Tim Meyer, der wie einst Kindermann (1990 bis 2000) nebenbei Arzt der deutschen Fußball- Nationalmannschaft ist. „Beim Nationalteam war alles viel professioneller, die Abläufe aber auch eintöniger“, berichtete Kindermann. „Bei Olympia habe ich dagegen oft auch Anregungen für meine Forschung erhalten.“

Genug zu tun wird Kindermann auch im Ruhestand haben, gehört er doch den medizinischen und Anti-Doping-Kommissionen vom Europäischen Fußball-Verband (UEFA) und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland war er WM-Chefarzt und koordinierte den Einsatz von 200 Medizinern während des Turniers. „Die Medizin war immer mein Hobby“, nennt Kindermann, der nicht nur Sportmediziner, sondern auch Facharzt für Innere Medizin und Kardiologe ist, einen Grund für sein unermüdliches Engagement. Dabei kam er auch mit der Schattenseite des Sports in Kontakt: Doping. „Natürlich gab es bei mir Anfragen, ob ich etwas machen könnte“, erzählte Kindermann. „Da habe ich immer versucht, klar zu machen, was die Einnahme von Mitteln in 20 oder 30 Jahren für Folgen haben könnten.“ Eindeutig ist auch seine Diagnose nach dem Fabelweltrekord des Jamaikaners Usain Bolt über 100 Meter (9,69 Sekunden): „Die Art und Weise, wie er den Lauf zu Ende gebracht hat, das war für die Spiele nicht gut.“ (dpa)

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