Sport : Mehmet Scholl

Wie der Mittelfeldspieler das Spiel erlebte

Daniel Pontzen

Eigentlich ist Mehmet Scholl kein geeigneter Kandidat für diese Rubrik, denn um ihm 90 Minuten am Stück zuzusehen, muss man ihm normalerweise entweder beim Training zuschauen oder beim Plattenauflegen, das macht er gelegentlich in der Münchner Bar Hit the Sky. In den vergangenen drei Jahren hat Mehmet Scholl vier Bundesliga-Spiele über die komplette Distanz bestritten, und als er am Sonnabend kurz vor halb vier anstelle von Roque Santa Cruz aufs Feld läuft, da hat wohl niemand daran geglaubt, dass er beim Abpfiff immer noch da ist. Schon kurz nach dem Anpfiff macht er deutlich, dass er die überraschende Nominierung nicht als Zugeständnis an einen werdenden Fußballpensionär begreift. Zwar hält er sich ein wenig zurück im Fünfsternemittelfeld der Bayern mit Deisler, Ballack, Frings und Ze Roberto; einmal etwa zieht er zur Strafraumkante, und anstatt selbst den Abschluss zu suchen, passt er zur Seite hinaus.

Mit zunehmender Spieldauer macht er sich bemerkbarer, sucht mal vorne links den Zweikampf, hilft mal hinten rechts aus, und immer wieder zieht es ihn ins Zentrum. Mit 33 Jahren braucht er noch immer diese Freiheit; beschränkt auf eine Position wirkt Mehmet Scholl beschnitten wie ein abstrakter Künstler, der sich im Bauzeichnerkurs beweisen muss.

In der 47. Minute sieht jede Bewegung aus wie ein wilder Pinselstrich, ein Zickzack, scheinbar willkürlich gesetzt und doch präzise, im Resultat als leuchtendes Kunstwerk erkennbar: Es steht 1:1. Scholl hat im Mittelfeld einen Haken geschlagen, ist nach innen gezogen, hat im Augenwinkel Santa Cruz in den Strafraum laufen sehen und ihm per Außenrist den Ball serviert. Den Rest erledigt der gerade eingewechselte Stürmer im Verbund mit Roy Makaay, zur vollen Zufriedenheit des Initiators: Scholl reckt die Arme in die Höhe, er hat lange gewartet auf so einen Moment.

Der Ausgleich scheint für ihn wie der innere Befehl zur Initiative zu sein: Scholl fordert Bälle, bekommt und verteilt sie. Manchmal setzt er zu kurzen Soli an, lässt ein, zwei Gegenspieler aussteigen und schafft so Raum für seine Mannschaftskollegen, oft ist er nur durch ein Foul zu bremsen. Er wird zum Schrittmacher des Münchner Offensivspiels, eine Rolle, die zuletzt Sebastian Deisler ausfüllte.

Scholl ist diesmal umso wertvoller für die schöpferische Fraktion im Spiel des Rekordmeisters. Er wirbelt wie in besten Tagen, auch wenn nicht alles gelingt. Manchmal bleibt er an einem Abwehrbein hängen, wenn er eine Finte zu viel versucht. Seinen Freistößen fehlt es an Präzision. Dennoch ist es Scholl, dem bis zum Schluss am ehesten die eine, entscheidende Aktion zuzutrauen ist. Allein, sie will nicht mehr gelingen.

Kurz nach dem Abpfiff stapft Mehmet Scholl vom Platz. Fünf Torschüsse hat Scholl durch seine Zuspiele ermöglicht, mehr als die Nationalspieler um ihn herum an diesem Tag gemeinsam zustande gebracht haben. Jürgen Klinsmann, der neue Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft, war übrigens auch im Stadion.

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